Uniturm tauscht Unterlagen Mitschriften der einzelnen Studienfächer tauschen, Klausurfragen verraten und Lösungen vergleichen... mehr...

Neues Dach überm Kopf
In München stehen den 92.000 Studenten gerade mal 9.200 Wohnheimplätze des Studentenwerks sowie weitere 2.600 Wohnplätze anderer Träger zur Verfügung. mehr...


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Berliner Herrenabend
“Was hältst du von ´ner exklusiven Nacht-Stadtführung?” Mit dieser Einladung beginnt in Michael Ross‘ Erstlingswerk “Herrengedeck” ein rasanter und abwechslungsreicher Streifzug zweier ungleicher Freunde durch Bars und Clubs des nächtlichen Berlin. Dabei ist es dem Berliner Comickünstler auf Anhieb gelungen, zwei sympathische und glaubhafte Charaktere einzuführen: den unbekümmert-flapsigen Manon und den disziplinierten Tom, die im Laufe der Nacht noch vollkommen andere Facetten ihrer Persönlichkeit offenbaren.
Ross gelingt es spielerisch, die rauschhafte nächtliche Großstadt-Atmosphäre mit ihren Verlockungen und Verheißungen spürbar zu machen. Viel trägt dazu sein prägnanter Zeichenstil bei, der, obwohl unverkennbar von französischen Meistern inspiriert, versiert und eigenständig ist. Scheinbar schnell hingeworfene, bisweilen skizzenhaft anmutende Bilder halten den Leser bis zum furiosen Finale in Atem.
Selbst der Morgen danach ist noch für eine Überraschung gut, und auch hier versteht es der Künstler, den Katzenjammer der beiden Freunde glaubhaft darzustellen. So glaubhaft, dass man beim Lesen das Gefühl hat, ihre erste, erlösende Tasse Kaffee schmecken zu können.
Comicfreunden sei dieses gelungene Album ans Herz gelegt, ein liebenswertes, witziges Erstlingswerk, das jugendhaften Verve ausstrahlt und neugierig auf weitere Arbeiten von Ross macht.

Stefan Jass

Michael Ross’ “Herrengedeck” ist in der Comic Company München, Fraunhoferstr. 21, für 15 Euro erhältlich; auf Anfrage auch beim Künstler selbst (zeeero@gmx.de).

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New Yorker Küchenhitze
Von 1995 bis 2002 arbeitete er als Literaturredakteur für den New Yorker – und tauschte plötzlich für ein Jahr den Stift gegen den Kochlöffel ein: Bill Buford heuerte als selbst ernannter Küchensklave im New Yorker Sterne-Lokal Babbo an, um bei 50 Grad am Grill zwölf Stunden am Tag zu schwitzen, sich unzählige Male beim Tranchieren zu verletzen und an den Rand der Verzweiflung zu geraten. Und warum das alles? Weil er, von Wissensdurst und Ehrgeiz gepackt, den Unterschied zwischen den Bemühungen eines Hobbykochs und den Meistern der Haubenkochkunst kennenlernen will. Im Buch „Hitze“ serviert Buford seine rasanten Küchenerlebnisse, die lebendig, authentisch – und vor allem herrlich persönlich daherkommen. Satiriker Wiglaf Droste liest den unterhaltsamen Bericht im gleichnamigen Hörbuch – und das vielleicht ein bisschen zu atemlos. Andererseits unterstreicht der schnelle Vortrag die Raserei des beflissenen Buford, der in seiner Liebe zum Essen alles um sich herum zu vergessen scheint, um so deutlicher. Vorsicht, das Buch sollte nicht während des Zwiebelschneidens gehört werden – der Zuhörer könnte sonst lachen, bis ihm die Tränen kommen. Guten Appetit.

Nadine Nöhmaier

Bill Buford: Hitze. Abenteuer eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling. Hanser Verlag 2008. 384 Seiten, 24,90 Euro.
Bill Buford: Hitze. Sprecher: Wiglaf Droste.
4 Audio-CDs. Hörverlag 2008. Gekürzte Lesung, 244 Minuten. 19,95 Euro.

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Nordische Miss Marple
Eiseskälte in Norwegen. Der einzige Zug zum Bergdorf Finse entgleist in einem Schneesturm, die Passagiere, unter ihnen die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen, finden Zuflucht in einem nahen Hotel. Abgeschnitten von der Außenwelt bilden sie eine Notgemeinschaft, deren Gespräche bald nur noch um ein Thema kreisen: Warum stehen Wachen vor den Türen des Hotels, wen beschützen sie? Die königliche Familie, einen Terroristen? Während die Spekulationen ins Kraut schießen, geschieht in Anne Holts neuem Kriminalroman „Der norwegische Gast“ ein brutaler Mord: ein mitreisender Fernsehpastor liegt steifgefroren und mit einem großen Loch im Kopf vor dem Hotel. Wilhelmsen findet sich schneller in ihrer alten Ermittlerrolle wieder als ihr lieb ist ...
Autorin Holt hat ihr neues Werk in der Tradition klassischer „Whodunit“-Krimis à la Miss Marple geschrieben: Hier steht die Suche nach dem Mörder im Mittelpunkt, und weniger die blutige Tat. In „Der norwegische Gast“ bemühen die Leser ebenso wie Ermittlerin Wilhelmsen die grauen Zellen, sie suchen den Täter und werden von der Frage geplagt, wem sie noch trauen können. Nebenbei vermittelt die Autorin skandinavische Lebensatmosphäre und ein Gefühl für die Geschichte ihres Landes; Kronprinzessin Mette-Marit spielt im Buch ebenfalls eine Rolle.
Jedenfalls: Wer eine packende Krimilektüre für frostige Wintertage sucht, ist mit „Der norwegische Gast“ bestimmt gut beraten. Wenn’s auch in Deutschland schneit und wütet, fühlt man um so intensiver mit den unfreiwilligen Gästen des norwegischen Berghotels mit.

Nadine Nöhmaier

Anne Holt: Der norwegische Gast. Piper 2008. 336 Seiten, 19,90 Euro.

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Zeit für Zeit?
Warum haben Menschen immer weniger Zeit, obwohl heutzutage alles immer schneller geht als früher? Warum verstreichen manche Stunden unendlich langsam, warum fliegen manche Jahre nur so dahin? Zum dritten Mal schickt der französische Bestsellerautor François Lelord seinen Helden, den Psychiater Hector, in die weite Welt hinaus – diesmal, um die Rätsel der Zeit zu erkunden.
Zu Beginn der Geschichte hört sich Hector die Klagen seiner Patienten an. Sabine erzählt, sie fühle sich vom Leben betrogen, weil ihre Zeit mit Job und Familie verrinnt – ohne dass sie zum Atemholen kommt. Fernand hingegen moniert, dass er nur noch zweieinhalb Hunde besitzen kann – er misst die Zeit in den Lebensjahren der geliebten Tiere.
Seine anschließenden Reisen zu den Eskimos sowie nach China helfen Hector, den Lauf der Zeit ein wenig besser zu verstehen – und zu verkraften. Den Leser bringt er mit Fragen und Vorschlägen ins Grübeln: „Messen Sie an einem bestimmten Tag die Zeit, die Sie für sich selbst haben. Schlafen zählt nicht mit (außer wenn Sie es im Büro tun)“; „Und wenn Ihr Leben nur jemandes Traum wäre? Wo schläft der Träumende in diesem Fall?“.
Fakten über das Phänomen Zeit werden im Buch leider kaum vermittelt. Wer jedoch den verträumten, humorvollen, manchmal auch naiven Stil des Autors in seinen Erstlingswerken mochte, sollte auch Zeit ins jüngste Buch investieren.

Nadine Nöhmaier

François Lelord: Hector und die Entdeckung der Zeit. Piper 2006, 224 Seiten, 16,90 Euro

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Die Zeit zurückdrehen
Ganze sechs Jahre hatte sich Ken Follett mit seinem 1989 erschienenen Mittelalter-Roman „Die Säulen der Erde“ in der Bestsellerliste des „Spiegel“ gehalten – es überrascht also nicht, dass der Nachfolger „Die Tore der Welt“ gleich nach Erscheinen im März diesen Jahres ebendort gelandet ist, auf Platz 1, versteht sich. Die „Tore der Welt“ sind ein eigenständiger Roman und auch ohne die Lektüre der „Säulen der Erde“ verständlich. Schauplatz ist erneut die Ortschaft Kingsbridge, seit Band 1 allerdings sind 200 Jahre verstrichen – die Nachfahren der Kathedralenbauer-Familie Builder begegnen einem zunächst in den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts. Auch diesmal geht es um Architektur, selbst wenn sie nicht soviel Raum erhält wie in „Die Säulen der Erde“. Und wieder wird gegen die Intrigen der Mächtigen gekämpft. Insgesamt sind auch „Die Tore der Welt“ ein Werk, das man nicht aus der Hand legen kann, hat man einmal damit angefangen. Wer Follett nicht kennt, kann die neue Lektüre gut und gerne zum Einstieg nutzen. Die Leser des ersten Bandes werden den Nachfolger ohnehin bereits verschlugen haben.

Arno von Buxhoeveden

Ken Follett: Die Tore der Welt. Lübbe 2008, 1120 Seiten, 24,95 Euro

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Zeitgenossen mit Geheimnissen
Silvana E. Schneider, Herausgeberin der Anthologie „Das Lachen deiner Augen – Frauenporträts in Lyrik und Prosa“, versuchte sich mit „Tod der Puppenkönigin“ erstmals an einem literarischen Psycho-Thriller. Das Debüt ist mehr als geglückt: Hochspannung ist das ganze Buch hindurch garantiert!
Die dicht und hintergründig geschriebene Geschichte, die in München und am Ammersee spielt, handelt von zwei Frauen, deren Lebenswege sich zwar berühren, die einander aber nie wirklich begegnen. Die beiden könnten nicht gegensätzlicher sein. Später tritt auch ein Mann mit besten Manieren auf, der sich letztlich als Wahnsinniger entpuppt.
Die Hauptpersonen sind raffiniert miteinander verknüpft und bewegen sich auf verschiedenen Handlungsebenen. In mehreren Spannungsbögen verrät die Autorin ein Geheimnis, um gleich wieder ein neues aufzubauen und dabei geschickt formulierte Gesellschaftskritik zu üben.
Silvana E. Schneider ist ein hochinteressantes und empfehlenswertes Buch gelungen, weswegen sich der Rezensent wünschte, die MAYERS-Chefredaktion hätte ihm mehr Platz für die Besprechung eingeräumt.

Tino Krense

Silvana E. Schneider: Tod der Puppenkönigin. Starks-Sture-Verlag 2008, 96 Seiten, 12,90 Euro

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Die Liebe in den Zeiten der Vorwende
Es ist 1987, als DDR-Flüchtling und Aushilfsblumenhändlerin Soja in West-Berlin auf Harry trifft – Junkie, Ex-Knacki und HIV-positiv. Um nicht erneut im Bau zu landen, bedarf Harry einer Rundumbetreuung. Soja nimmt sich seiner an und begegnet ihm mit unbedingter, weil unerwiderter Liebe. Nach seinem Tod hinterlässt Harry ein Heft mit undatierten Aufzeichnungen – 89 Sätze, in denen Soja mit keiner Silbe erwähnt wird. „Ach Harry, wäre dieses Heft bei jemand anderem gelandet […], er hätte nicht einmal ahnen können, dass es mich in deinem Leben, das meines war und ist, jemals gab.“
Katja Lange-Müller liest „Böse Schafe“, das Hörbuch zu ihrem gleichnamigen Roman, selbst – und Katja Lange-Müller ist aus (Ost-)Berlin. Letzteres ist nicht zu überhören – daher sollte man dem Hauptstadtdialekt nicht gänzlich abgeneigt sein, wenn man sich die fünf CDs zulegt. Wer sich darauf einlässt, wird durch Lange-Müllers spröde Lesung härter mit der Stimmung des Romans konfrontiert, als es die Buchlektüre dieser wunderbar tragischen Liebesgeschichte vermag.

Christopher Haarhaus

Katja Lange-Müller: Böse Schafe. Hörverlag 2007, 5 CDs, 340 Minuten, 29,95 Euro

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Schluss mit lustig

Wieso nur wollte die Evolution, dass man in langen Beziehungen aufhört, miteinander zu schlafen? Ist es eine Strategie, um die Überbevölkerung zu stoppen? Oder wird der Sexualtrieb ganz gezielt abgestellt, damit man leichter treu bleibt? Lasse, mit dessen Karriere als Comedian es bergab beziehungsweise flussab geht – er moderiert inzwischen Seniorennachmittage auf einem Clubschiff –, hadert mit seiner Beziehung. Seit sieben Jahre lieben sich Tess und er in Michael Birbæks Buch „Beziehungswaise“; ihre inzwischen zweijährige Sexflaute allerdings nagt am Selbstwertgefühl. Ist das noch eine Beziehung oder nur noch Freundschaft? Als Tess ein Jobangebot aus China bekommt, ziehen sie trotz tiefer Gefühle füreinander einen Schlussstrich unter die gemeinsame Zeit.
Aber Singlesein – wie geht das nochmals? Rumvögeln und sich frei fühlen? Die Nächste suchen? Der Letzten nachweinen? Lasse ist kein bisschen erleichtert, zudem besteht sein schwerkranker Vater darauf, endlich Enkelkinder zu bekommen ...
„Beziehungswaise“ ist ein unheimlich komischer wie trauriger Roman. Im ersten Kapitel zündet Birbæk ein Gagfeuerwerk, doch bald entwickelt die Geschichte eine zunächst unerwartete Tiefe: es geht um die Urängste aller Menschen, um Tod, Verlust, Einsamkeit. Ein Glück für den Leser, dass Birbæk trotz aller Tragik leichtfüßig erzählt – zu lachen gibt es stets genug. Der Autor hält somit, was sein Lebenslauf verspricht: immerhin hat er als Gagschreiber für Harald Schmidt und Stefan Raab gearbeitet, er ist Erfinder der Sit-Down-Comedy und hat seinen Erstlingsbüchern hübsche Titel wie „Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr“ und „Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen“ verpasst. Der Balanceakt, die Tragik wie die Komik des Lebens unter einen Hut zu bringen, gelingt Birbæk definitiv hervorragend – und erschreckend realistisch: was kein Wunder ist, zumal er seiner „Lieblingsex“ im Anhang des Buches dankt.

Nadine Nöhmaier

Birbæk, Michel: Beziehungswaise. Lübbe 2007, 495 Seiten, ISBN 978-3-7857-2283-1, 16,95 Euro

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Liebe und Lotto

Wer wird Millionär? Robert Allmann knackt den Jackpot! Der Held in Thommie Bayers Roman „Eine kurze Geschichte vom Glück“ gewinnt sechs Komma zwei Millionen Euro im Lotto. Und ist dennoch ein armer Schlucker, denn seine Frau liebt einen anderen...
Bayer spielt in seinem neuen Werk den Traum vom Lotto-Glück durch – mit allem, was dazu gehört: Dem Wunsch etwa, der Überbringerin der Frohbotschaft, einer Angestellten der Lottogesellschaft, Gutes zu tun. Dem Entschluss, einmal im Leben spontan ein dickes Auto zu kaufen – welches dem neureichen Besitzer allerdings gleich den Stempel „arrogante Bonze“ aufdrückt. Auch verrät Allmann seiner Frau nichts vom Reichtum: denn was wäre ihre Beziehung wert, wenn sie nur weiterbesteht, weil er Rockefeller geworden ist? Allmann erfährt, dass Geld allein nicht glücklich macht – aber dass es ihm verdammt hilft, schlechte Zeiten durch aufwändige Einkaufsbummel versüßen zu können.
Thommie Bayer, ein ehemaliger Liedermacher, hat schon raffinierter konstruierte Bücher geschrieben, „Das Aquarium“ zum Beispiel. Er war auch schon witziger – in „Einsam, Zweisam, Dreisam“. Und auch tragischer – im „Singvogel“. Doch ebenso wie all diese empfehlenswerten Vorgänger-Bücher liest sich „Eine kurze Geschichte vom Glück“ leicht und spannend – zudem malt Bayer beim Schreiben einmal mehr wunderbare Bilder aus Worten und Gedanken. Rein literarisch gesehen mag das neue Werk dennoch kein Sechser im Lotto sein, ein lohnender, kurzweiliger Lesespaß aber ist es allemal.

Nadine Nöhmaier

Bayer, Thommie: Eine kurze Geschichte vom Glück. Piper 2007, 224 Seiten, ISBN 978-3-49204-920-7, 16,90 Euro

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Ein Mann, ein Wort

Lieb ist Sabine nicht. Sie hat gerade Schluss gemacht mit Uwe, einem „spießigen Manager-Spacken“ – nach acht Jahren „total toller Beziehung“. Uwe diktiert seiner Sekretärin einen nüchternen Abschiedsbrief an die Ex, in dem er Schlüssel, Stornokosten für den Urlaub und die letzte Miete fordert. Seine Sekretärin allerdings schickt Sabine zusätzlich zum Brief die Kassette mit dem vollständigen Diktat. Welches weniger nüchtern klingt: Uwe resümiert darauf die gesamte Beziehung – und weiß beispielsweise sehr wohl, wie sehr es Sabine als Studentin genossen hat, sich von ihm im Auto mit Sitzheizung von der Uni abholen zu lassen.
„Liebe Sabine“ ist das neueste Werk von Jan Weiler, dem ehemaligen Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Es ist nicht gedruckt, sondern nur auf CD erschienen – und das hat seinen Grund: hier werden die Möglichkeiten des Mediums Hörbuch einmal wirklich genutzt! Der Zuhörer spielt Mäuschen bei der intimen Abrechnung mit Sabine, das knarzige Diktiergerät und die Geräusche, die durch Hin- und Rückspulen entstehen, sind Bestandteil der Geschichte und machen sie plastisch. Das alles ist nicht nur raffiniert produziert, sondern auch spannend, witzig und trotz der Trennung des Pärchens kein bisschen traurig. Uwe wird von Jan Weiler selbst gesprochen, Annette Frier gibt die Sabine.

Frank Prieß/ Nadine Nöhmaier

Weiler, Jan: Liebe Sabine. Hörverlag 2007, 1 CD, 78 Minuten, ISBN 978-3-86717-129-8, 14,95 Euro

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Bei Kommissars unterm Sofa...

So brillant sie ihrem Beruf ausüben, so bescheiden scheint es um das Privatleben skandinavischer Kriminalkommissare bestellt zu sein: Vom schwedischen Eigenbrötler Kurt Wallander beispielsweise wissen wir, dass er geschieden ist und eine eher mittelmäßige Beziehung zu seinem Vater wie zu seiner Tochter pflegt. Hanne Willemsen, Heldin diverser Krimis der Norwegerin Anne Holt, muss miterleben, wie ihre langjährige Freundin viel zu jung ums Leben kommt. Und der Stockholmer Autor Arne Dahl verrät in seinem neuesten Werk „Rosenrot“, dass die erfolgreiche Spezial-Ermittlerin Kerstin Holm vor Jahren mit einem Kollegen liiert war, der sie Nacht für Nacht vergewaltigt hatte.
Pikanterweise ist dieser Ex-Freund in dem im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Krimi Gegenstand der neuesten Ermittlungen Holms: Er wird verdächtigt, einen südafrikanischen Asylbewerber bei einer Razzia vorsätzlich getötet zu haben. Trotz ihrer persönlichen Verwicklung kann Holm die Finger nicht von diesem Fall lassen – und findet heraus, dass dieser mehr mit ihr selbst zu tun hat, als ihr lieb ist...
„Rosenrot“ ist Dahls fünfter seiner auf zehn Bände angelegten Reihe über die Arbeit der „Spezialeinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter“. Einmal mehr gelingt ihm das Kunststück, scheinbar Unzusammenhängendes virtuos wie glaubwürdig miteinander zu verknüpfen, die verdrehten Motive des Täters nachvollziehbar zu machen – und die Geschichte nicht nur hochspannend zu gestalten, sondern auch zu Herzen gehen zu lassen. Berührungsängste vor großen Themen – Dahl zitiert etwa das Hohelied der Liebe – hat er dabei nicht. Braucht er auch nicht: seine teilweise lyrische, immer jedoch stimmige Sprache sowie die raffinierte Konstruktion des Buches machen dieses zu einem schönen Stück Literatur.

Nadine Nöhmaier

Dahl, Arne: Rosenrot. Piper Nordiska 2006, 400 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-49204-809-5. Tipp: Wer noch kurz wartet, bekommt „Rosenrot“ für 8,95 Euro – im Juni erscheint der Roman als Piper-Taschenbuch, ISBN 978-3-49224-964-5

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Hesse zum Hören

Hermann Hesse (1877 bis 1962) hat einmal geäußert, dass ein Gedicht ganz aus dem Erleben des Dichters heraus entstehe : „Es ist sein Aufatmen, sein Schrei, sein Traum, sein Lächeln, sein Umsichschlagen.“ Für ihr Hesse-Projekt haben die Komponisten Angelica Fleer und Richard Schönherz denn auch besonders stimmungsintensive und emotionale Gedichte des Literatur-Nobelpreisträgers zusammen getragen: und diese mit Schauspielern und Musikern wie Ben Becker, Till Brönner, Ani Choying Drolma, Matthias Habich, Annett Louisan, Xavier Naidoo, Juliane Köhler, Caterina Valente oder Roger Willemsen vertont. Das Ergebnis ist die CD „Die Welt unser Traum“, die im März im Hörverlag erschienen ist.
Manche der Künstler allerdings klingen beim Rezitieren der „Die Welt unser Traum“-Gedichte übertrieben schmalzig. Dem steuert die musikalische Begleitung entgegen, die den Klang und den Rhythmus, den Hesse in seine Zeilen hineingeschrieben hat, aufnimmt – Fleer und Schönherz haben ganze Arbeit geleistet! Andere Gedichte wiederum sind mit einer solchen Leichtigkeit vorgetragen, dass die Hesse-Worte im Raum zu schweben scheinen. Dieser Eindruck wird durch instrumentale Intros verstärkt, die jeweils das nächste Gedicht einleiten. Mal werden jene von einem Keyboard oder einer Gitarre, mal von einer Oboe oder einem ganzen Orchester gespielt.
Wer grundsätzlich gerne Gedichte hört, sollte sich die CD leisten, sofern er einen der vortragenden Schauspieler oder Musiker mag: Denn die Stimmen sämtlicher Sprecher harmonieren wunderbar mit den von ihnen vertonten Gedichten.
Das Hesse-Projekt ist die zweite Produktion von Richard Schönherz und Angelica Fleer: Für ihre erste mit dem Titel „Rilke-Projekt“ wurden sie im Jahr 2004 unter anderem mit dem internationalen Buchpreis Corine ausgezeichnet.

Nadja Gosch

Schönherz, Richard und Fleer, Angelica: Hesse-Projekt „Die Welt unser Traum“. Hörverlag 2007, Laufzeit ca. 59 Minuten, 17,95 Euro, ISBN 978-3-89940-880-5

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Der Österreicher und das Mars-Märchen

Der Schriftsteller Herbert W. Franke ist 80 geworden, und ich – wie doch die Zeit vergeht! – habe die 40 auch schon überschritten. An die 20 Jahre dürften vergangen sein, seit ich zuletzt ein Buch des österreichischen Science-Fiction-Altmeisters in Händen gehalten habe. Jetzt, zu Frankes Jubiläum, hat der dtv-Verlag ein neues Werk von ihm auf den Markt gebracht – „Flucht zum Mars“ heißt es. Natürlich war ich neugierig.
Die „alten“ Romane von Franke hatte ich früher sehr gerne gelesen, mir gefiel, dass der Wiener Schriftsteller Science Fiction ohne Technikstumpfsinn verfasste – und stattdessen originelle Gedankenspiele mit künftig denkbaren Gesellschaftsformen und deren Wertsystemen machte. „Flucht zum Mars“ unterscheidet sich in dieser Hinsicht ein wenig von den Vorgängern: Es ist mehr ein in der Zukunft spielender Abenteuerroman – und weniger eine Auseinandersetzung mit Gesellschaftsformen.
Beschrieben werden im neuen Werk die Probleme und Erfolge einer achtköpfigen Gruppe, die im 23. Jahrhundert auf den Mars flieht. Jedem der Beteiligten ist ein Kapitel gewidmet, das die Erzählung jeweils unterbricht. In diesen Kapiteln wird berichtet, wie die jeweilige Person ins Abenteuer hineingerutscht ist. Dabei reißt Franke künftige Gesellschaftsmodelle an – und erinnert ein wenig an sein früheres Schaffen. Der rote Faden der Geschichte aber, das Mars-Abenteuer, ist zwar unterhaltend wie spannend, aber nicht übermäßig komplex oder überraschend aufgebaut.
Wer mit der „Flucht zum Mars“ ein Buch wie „Der Elfenbeinturm“, „Sirius Transit“ oder „Ypsilon minus“ erwartet, könnte enttäuscht werden. Ich allerdings habe das neue Werk an einem Wochenende gelesen. Es ist zwar nicht mein Lieblingsbuch von Franke – Isaac Asimov-Romane allerdings schlägt er für mich auch mit diesem Werk immer noch um Längen.

Frank Prieß

Franke, Herbert W.: Flucht zum Mars, dtv 2007, 360 Seiten, 14,50 Euro, ISBN 978-3-423-24600-2

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Jan, uns schmeckt’s!

„Wenn das Kolosseum nicht in Rom stünde, sondern beispielsweise in München, so würde dort heute noch der FC Bayern München spielen, weil es dann nämlich immer noch tadellos in Schuss wäre“: Davon ist zumindest Antonio Marcepane überzeugt, der Held in Jan Weilers halbwahren Geschichten in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, die inzwischen als Hörbuch erschienen sind. Marcepane ist Weilers italienischer Schwiegervater – und hat einen wunderbaren Hang zur Übertreibung. Im (gekürzten) Hörbuch liest der Autor höchstpersönlich die Anekdoten vor, die er mit Marcepane und dem Rest der angeheirateten Familie erlebt – wobei er deren Parts mit italienischem Akzent spricht. Was absolut amüsant ist.

Nadja Gosch

Weiler, Jan: Maria, ihm schmeckt’s nicht! 4 CDs, Random House, rund 15 Euro. ISBN 978-3-89830-752-9

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Das Neue in München

„münchenleben – das buch zur stadt“, herausgegeben von Tino Krense, ist der Titel eines 2006 im Verlag Thomas Mayer erschienenen Stadtführers. Wer dahinter einen schnöden Touri-Guide erwartet, irrt allerdings gewaltig. Vor allem der erste Teil, der unterschiedlichste Münchner und ihre Arbeit oder Hobbys in kurzen Portraits oder Interviews vorstellt, offenbart ungewöhnliche Blickwinkel: München aus der Sicht einer blinden Sportlerin, eines britischen Dialektforschers, eines hiesigen Feinstaub-Gegners oder junger Nachtschwärmer bei der Suche nach der nächsten Party. Auch die zweite Hälfte zeigt sich vielseitig und wartet mit einem ausführlichen Serviceteil auf, der mit hilfreichen Adressen zu den Themen Beratung, Kultur & Medien, Jugend & Bildung und Freizeit gespickt ist. Thematisch spricht „münchenleben“ keinen an, der München nur kurz besuchen möchte. Vielmehr ist es an all diejenigen gerichtet, die bereits in der bayerischen Metropole wohnen – und jetzt die Stadt wirklich erleben möchten. Selbst eingefleischte Münchner Kindl dürften in diesem knapp 300 Seiten starken Taschenbuch noch Neues über ihre ‚Stadt mit Herz’ herausfinden. Die amüsant interessanten ‚Münchner G`schichten’ und der ausgiebige Serviceteil sind den Kaufpreis von 8,80 Euro allemal wert. Da kann man auch über den kleinen Schönheitsfehler in der Buchmitte hinwegsehen: Die aus Sicht der Fliege Ferdinand verfassten Bildunterschriften zu an sich ansprechenden Fotos, die wie ein literarischer Irrflug wirken.
„münchenleben“ ist im Buchhandel erhältlich. Einige Leseproben und ein Gewinnspiel, bei dem man unter anderem einen Haarschnitt gewinnen kann, finden sich auf www.muenchenleben.de.

Daniela Geffe

Tino Krense (Herausgeber): münchenleben – das buch zur stadt; Verlag Thomas Mayer 2006; 8,80 Euro

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Die Wahrheit in Indien

Mit einer Fleisch gewordenen Männerphantasie fängt es an: der zum Lotterleben neigende Student Edgar von Rabov vertrödelt seine Zeit in verruchten Kneipen im Berlin des Jahres 1926, anstatt sich seinem Chemie-Studium zu widmen. Eine magisch-exotische Schönheit steckt ihm, dem Helden in Wolfram Fleischhauers Roman „Schule der Lügen“, während einer dieser Zechtouren einen Zettel zu: „Übermorgen hier. Gleiche Zeit. Ich erwarte Sie“. Übermorgen folgt ihre Bitte, sie, die Inderin Alina, durch die „intimen“ Orte der Berliner Nacht zu führen, an welchen sie Edgar schließlich nach allen Regeln der (indischen) Kunst verführt. Atemlos folgt man den beiden auf ihrer weiteren Reise von Berlin über London nach Madras und zurück - auf der Suche nach der Wahrheit, die sich hinter Alinas berechnenden Verführungskünsten und Edgars widersprüchlicher Familiengeschichte verbirgt. Alles in allem ist „Schule der Lüge“ ein lebendiges, hochspannendes Buch, dessen besonderen Reiz die Zwanziger-Jahre-Szenerie ausmacht.

Nadine Nöhmaier

Wolfram Fleischhauer: Schule der Lügen; Piper 2006; 22,90 Euro

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Die Liebe im Dschungel

„Ich habe die Schönheit entdeckt! Verzeih mir! Ich werde dich nie wieder sehen!“ Mit den letzten per SMS versandten Worten einer Ornithologin an ihren Geliebten beginnt Christian Krugs Roman „Philomela und der Vogel des Paradieses“. Denn Philomela hat im Dschungel Papua-Neuguineas einen sagenumwitterten Vogel gefunden – und landet bei dessen Verfolgung bei Einheimischen, welche die Gesetze der Zivilisation nicht kennen. Natürlich macht sich der Geliebte auf den Weg, Philomela zurückzuholen; diese allerdings bezahlt indessen einen hohen Preis für ihr Eindringen in eine Welt, in die sie nicht gehört. Poetisch erzählt der Münchner Krug diese abenteuerliche, atemlose Liebesgeschichte, in der die Helden nicht verschont werden, denen ihr Lebenstraum vielmehr zum Alptraum wird. Zeitgleich zu „Philomela“ veröffentlichte Krug im Reise-Know-How-Verlag eine Reportage über seine 1700-Kilometer-Wanderung durch Indien („Auf heiligen Spuren“).

Nadine Nöhmaier

Christian Krug: Philomela und der Vogel des Paradieses; Allitera Verlag 2006; 15,90 Euro

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Die Mexiko-Connection

Es gibt diese Nächte, in denen man längst nach Hause gehen wollte. Zu viel Alkohol. Zu viel Party. Es reicht. Doch dann geht man an einem Club vorbei, sieht durch die Fenster, steht einen Augenblick später an der Bar und bestellt doch noch ein Bier. Vielleicht unterhält man sich danach mit aufregenden Frauen. Vielleicht starrt man auch nur stumpf auf die tanzenden Gäste. Oder man steht zufällig neben einem Typen an der Bar, der Zigaretten raucht, ein Weißbier vor sich stehen hat – und sich Notizen auf kleinen Zetteln macht. In diesem Fall sollte man unbedingt versuchen, dem Typen über die Schulter zu schauen und heimlich mitzulesen. Es könnte spannend werden.

Tatsächlich bleibt es bei Stefan Wimmer nicht bei den in kleiner Schrift zwischen Weißbier und Cuba Libre notierten Sätzen. Der 36-jährige Münchner Autor, Journalist und ehemalige Playboy-Redakteur hat einige davon bereits in wilde Kurzgeschichten verwandelt und in ein Buch gepackt. Eine schräge und fließende Mischung aus Erlebtem und Fiktion, Geschichten zwischen Bars und Hörsaal, München und Mexiko, hübschen Frauen und Transvestiten, Weißbier und Kokain, großer Liebe und dilettantischem Scheitern. Das klingt dann so: „Es war ein klirrend kalter Nachmittag, an dem ich ein letztes Mal durch die Hallen des Instituts schweifte. Die Semesterferien hatten begonnen, und die Universität war wie leergefegt. Dort in einem der Korridore sah ich das Mädchen. Die Engel der Vernichtung zeigen sich ihren Opfern zunächst in gleißendem Licht.“ Kein Wunder, dass so ein Buch „Die 120 Tage von Tulúm“ heißen muss. Und noch weniger überraschend, dass auf dem Buchumschlag der Name „Hunter S. Thompson“ erwähnt wird – US-Kultautor, Erfinder des sich zwischen gnadenloser Subjektivität, Fakten und schräger Fiktion bewegenden Gonzo-Journalismus und inzwischen auch einem breiten Publikum als Verfasser der wilden und mit Johnny Depp verfilmten Drogenstory „Fear and Loathing in Las Vegas“ bekannt. Thompson erschoss sich Anfang 2005, hier atmet sein Geist weiter.

Stefan Wimmer studierte Literaturwissenschaften an der Uni München. Dann ging er mit einem Stipendium nach Mexiko: „Die Dissertation“, so sagt sein Alter Ego Ingo Falkenhorst in einer der Geschichten, „sollte mich dazu befähigen, mit einem Stipendium zu den Traumstränden Yucatáns, den Mezcaldestillerien Oaxacas und den Marihuanapartys Jaliscos – kurz: nach Mexiko – zu flüchten.“ Tatsächlich bleibt Wimmer drei Jahre dort, arbeitet als freier Journalist und TV-Producer für mexikanische und deutsche Medien. Und was er dort zwischen ausgeflippten Partys, korrupten Behörden und seltsamen Begegnungen erlebt hat, dürfte zum Nährboden für „Die 120 Tage von Tulúm“ geworden sein. Jetzt ist Stefan Wimmer wieder in München. Er träumt immer noch von Mexiko und sicherlich wird er eines Tages wieder dorthin gehen. Bis dahin aber kann man ihn mit etwas Glück nachts an einer Bar sitzend sehen. Vielleicht schreibt er dann wieder etwas auf. Und vielleicht wird ja noch einmal ein Buch daraus.

Alexander von Streit

Stefan Wimmer: Die 120 Tage von Tulúm, Maas, Berlin 2004, ISBN: 3-929010-96-8, 16.80 Euro.
Weitere Informationen und Leseproben auf der Website www.die120tage.de

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Schwarzseher

Benjamin von Stuckrad-Barre muss man nicht näher vorstellen; er ist neben Christian Kracht längst eine feste Größe unter den jungen deutschen Literaten, die gerne als Popautoren bezeichnet werden. Seine „Blackbox“ speichert Gesprächsfetzen, den herben Schicksalsschlag eines Talkshow-Scouts, der die Langeweile als Marktlücke entdeckt, oder Monologe, die an ein Gegenüber, das einfach nicht zu Wort kommt, gerichtet sind. Kurz gesagt: Es gibt in dem Buch viele Arten von Abstürzen. Sie werden etwa hervorgerufen durch bewusstseinsverändernde Mittel, eine zerbrochene Beziehung oder unliebsame Entdeckungen. Seinen eigenen Absturz hat Stuckrad-Barre erst seit kurzem hinter sich: drei Klinikaufenthalte wegen Essstörungen und Kokainsucht, verbunden mit Depressionen. Vermutlich handelt nur zufällig eine Geschichte („Strg S“) von einer essgestörten Person namens S, wobei nicht klar wird, ob S ein Mann oder eine Frau ist.

Einige der „Blackbox“-Texte klingen so, als ob jemand einfach während einer Unterhaltung auf den Record-Knopf gedrückt hat. Und wie es bei Unterhaltungen nun mal ist, wird viel geblubbert, was umso deutlicher beziehungsweise erst deutlich wird, wenn es schriftlich fixiert ist. Bei einigen Beobachtungen dagegen denkt man sich: „Haargenau so ist es!“ Mit diesem Buch kann man es wie mit einem Magazin halten: Man muss nur das lesen, was einem gefällt, da sich die „Beiträge“ nicht aufeinander beziehen.

Benjamin v. Stuckrad-Barre: Blackbox. Kiepenheuer & Witsch, 2000, 3. Aufl.

Nadja Gosch

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Die Farbe Lila

Martin Suter belehrt nicht, und vollführt auch keine Sprachexperimente: Er unterhält seine Leser einfach mit guten Geschichten. Die oft, wie im Falle seines gradlinig erzählten Romans „Lila, Lila“, wie geschaffen für eine filmische Umsetzung wären. Das rührt vielleicht daher, dass der Schweizer Autor auch Drehbücher schreibt.

„Lila, Lila“ beginnt Suter mit dem Zitat eines nicht näher beschriebenen Mannes, der eine Niederschrift und kurz darauf sein Leben beendet. Fünfzig Jahre später, also in der heutigen Zeit, findet ein linkischer, junger Mann, der in dem Züricher In-Lokal „Esquina“ als Kellner jobbt, das Manuskript. Um bei Marie, einem außerordentlich hübschen neuen Gast, Eindruck zu schinden, gibt David ihr „sein“ Manuskript zum Lesen. Sie ist tief beeindruckt, wie empfindsam er seine Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Das hätte sie ihm nicht zugetraut. Fortan ist er für sie nicht mehr nur „der Kellner“. Die beiden werden ein Paar. Marie schickt das Manuskript ohne sein Wissen an einen Verlag. Damit werden dem ohnehin entscheidungs- und durchsetzungsschwachen „Jungautor“ die Fäden aus der Hand genommen. Er gerät in die Mühlen des Literaturbetriebs, über den der Leser einiges Aufschlussreiches erfährt, und muss widerwillig Lesereisen absolvieren – ständig mit der Angst im Nacken, dass im Publikum jemand aufsteht und ruft: „Aber ich bin doch der Autor!“

Mit immer neuen Problemen wird David durch dieses Buch „Lila, Lila“ konfrontiert: Kann er einen Erpresser los werden, behält er Maries Zuneigung und schafft er es, doch noch einen eigenen Roman zu schreiben? Der lockere, gut zu lesende Roman macht neugierig auf Suters Krimis „Small World“ oder „Ein perfekter Freund“.

Martin Suter: Lila, Lila. Diogenes, 2004.

Nadja Gosch

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Bye-bye, Bier!

Irgendwann nach ein paar Bier, Limo, Prosecco oder was auch immer ist es unweigerlich soweit. Die Blase ist voll. Also weg vom mühsam erkämpften Platz an der Theke, durch die Menge, ab in Richtung Klo. Man landet dann vielleicht in einem dunklen Loch mit feuchtem Boden, manchmal in Räumlichkeiten, die schicker sind als die Kneipe selbst, mal hängt Werbung an der Wand, mal Tapete, Klosprüche, Sofas, Musik, Klofrauen. Alles ist möglich. Nur: Vorher weiß man das nicht.

Geht auch anders, haben sich vor zwei Jahren die beiden Münchner Designerinnen Claudia Aigner und Juliane Böttcher gedacht und die Lücke zwischen allen Kneipenführern, Stadtbüchern und Szenemagazinen geschlossen. Endlich. „Trinken und Pinkeln“ ist ein Bildband mit hübschen Texten, oder ein Textband mit hübschen Bildern, zumindest ist es ein Buch über 33 gute Lokale und deren Toiletten. Weil das eben zusammen gehört. Die bebilderte Reise durch Läden wie Holy Home, Jennerwein, Alter Ofen, Substanz oder Ododo zeigt Momentaufnahmen in den Kneipen - Stühle, Tische, Theken, Plattenspieler, dazu nützliche Infos zum jeweiligen Stammpublikum, Stil, Essen, Musik und anderen wichtigen Sachen.

Auf den Rückseiten des in zwei Richtungen lesbaren Buches finden sich dann die anderen Bilder. Die von den Klos. Auch hier: Ausschnitte, Stimmungsbilder und lustige Details wie der „Beware of the Limb Dancers!“-Spruch am unteren Spalt einer Trennwand im Steinheil oder der Haarspray und die Handcreme auf der Toilette des Baracudas. Dazu gibt es hübsche Kurzgeschichten rund ums Weggehen, Trinken und Pinkeln sowie ein Interview mit dem Herrn Zeus, Klomann im Glockenspiel. Wer sich seine Stammkneipe gerne nach der Toilette aussucht, dem wird das alles bestimmt helfen.

Alex von Streit

„Trinken & Pinkeln“ gibt es nicht mehr im Handel. Was schade ist. Kaufen kann man es trotzdem noch – direkt bei den Macherinnen: Brief, Fax oder Mail an Aigner.Böttcher.Design, Adlzreiterstr. 24, 80337 München, trinken&pinkeln@yahoo.de, Fax 18913870. Das Buch kostet 11,30 Euro plus 3 Euro Versandkosten.

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Bye-bye, Job!

Der Schweizer Wirtschaftsanwalt Urs Blank bewegt sich nur in den höchsten Kreisen der Geschäftswelt. Gelangweilt vom Alltag in Großkonzernen begegnet er der jungen hübschen Lucille. Sie überredet ihn zu einem Trip mit halluzinogenen Pilzen. Blanks Wesen verändert sich nachhaltig und jegliches Unrechtsbewusstsein schwindet dahin. Blank handelt, ohne nachzudenken: Lucilles junger Katze dreht er den Hals um. Und warum sich überholen lassen? Ein tödlicher Unfall auf der Gegenspur lässt ihn kalt.

Während des Pilzrausches fühlt sich Urs Blank als Teil des Waldbodens. Immer mehr gerät er in den Bann der Wälder, bis er sich schließlich wochenlang in das Dickicht der Bäume zurückzieht. Ein seltener Pilz ist sein Ziel, der die Wirkung schon beim ersten Mal verstärkt hatte und der ihm helfen soll, wieder in die gewohnte Welt zurückzufinden. Im spannenden Roman „Die dunkle Seite des Mondes“ von Martin Suter ist jeder Satz von unglaublicher Präzision, kein Wort zu viel und doch besticht jede Szene durch ihre Anschaulichkeit. Von einem, der unfreiwillig weggeht und vielleicht nie wieder kommt.

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes. Diogenes Verlag 2001, 9,90 Euro

Ulrich Wenzel

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Bye-bye, Love!

Madga, eine Frau Mitte Dreißig, verlässt in Margriet de Moors Roman „Erst grau dann weiß dann blau“ ohne ersichtlichen Grund von heute auf morgen ihren Mann Robert - und verschwindet erstmal auf Nimmerwiedersehen. Nach zwei Jahren taucht sie ebenso plötzlich wieder auf und verhält sich so, als sei sie nie fort gewesen. Kein Wort verliert sie darüber, warum sie weg war und was sie in der Fremde getan hat.

Aufgeteilt in vier Kapiteln, kommt jeweils eine andere Hauptperson zu Wort, so dass sich allmählich die Beziehungsgeflechte und die Charaktere der Beteiligten erschließen. In Rückblenden wird allmählich das Geheimnis um Magdas Verschwinden gelüftet und die Biografie der einzelnen Personen mehr oder weniger genau herausgearbeitet.

Dem Leser wird Magdas Verhalten allmählich verständlich. Magda stellt während der zwei Jahre fest, „dass sich ganz in der Nähe des Lebens, in dem man zufällig gelandet ist, ein anderes befindet, das man seelenruhig genauso gut hätte führen können.“

Margriet de Moor geht mittels innerem Monolog ganz dicht an die Personen heran. Dann wieder distanziert sie sich, indem sie in die auktoriale Erzählweise wechselt. Knappe Beschreibungen der Landschaft, der Gegenstände in einem Raum oder der olfaktorischen Wahrnehmungen schaffen eine herbstliche, aber dennoch nicht schwermütige Grundstimmung.

Margriet de Moor: Erst grau dann weiß dann blau. dtv 1995, 9 Euro

Nadja Gosch

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Bye-bye, Bush!

Einer, der möchte, dass jemand anders weggeht, ist ganz sicher Erfolgsautor Michael Moore. Nach Recherchen über Waffen, Konsumterror und ähnlich brisanten Themen ist er zum Schluss gekommen, dass der amerikanische Präsident lieber gestern als morgen den Hut nehmen sollte... Natürlich teilt uns Moore seinen Wunsch ausführlich begründet in Buchform mit: „Hey, Dude, where is my country“ heißt auf deutsch „Volle Deckung, Mr. Bush“ und ist im Piper Verlag als Taschenbuch erschienen.

Michael Moore: Volle Deckung, Mr. Bush! Piper Verlag 2003, 12,90 Euro.

Christine Schucker

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Geballte Infos für alle Lebenslagen

Wer ganz genau wissen will, was München alles zu bieten hat, sollte sein Bücherregal demnächst mit der neuen Ausgabe von „münchenleben – das buch zur stadt“ bestücken. Es ist im Januar 2003 im Verlag Thomas Mayer erschienen und enthält viele Beiträge von MAYERS-Autoren. Neben interessanten Texten zu Jugend, Alltag, Politik, Freizeit und Kultur in München bildet eine umfangreiche Adress-Sammlung das Herzstück des Buches. Egal ob Restaurants, Kinos, Museen, Theater, Musikclubs, Freizeit, Sport oder Studium und Wohnen – unter allen Rubriken findet ihr die Adressen der entsprechenden Einrichtungen; in den meisten Fällen gibt’s dazu einen Kommentar mit genaueren Beschreibungen. Mehr über das Stadtbuch erfahrt ihr unter www.muenchenleben.de.

Krense, Tino (Hrsg.): münchenleben – das buch zur stadt, Verlag Thomas Mayer, 6,50 Euro.

Steffi Nemet

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Hier kommt die Maus!

Emotionen und Computer schließen sich nicht aus: Manch einer umwirbt seinen PC mit Kosenamen, andere bewerfen ihn mit Schimpfwörtern und Unrat. Computer machen Spaß und verursachen Frust: Wer aber nach der Lektüre dieses Ratgebers erst mal die Basics drauf hat, kann sich getrost dem PC-Imperium stellen.

Deshalb beginnt dieser Ratgeber bei den absoluten Grundlagen. Angefangen mit einem Crashkurs in Computer-Chinesisch lernen Sie, worauf beim PC-Kauf zu achten ist. Wenn dann die Verkäufer bezwungen und alle Geräte eingestöpselt und zum Laufen gebracht sind, gilt es die sogenannten "Soft skills" in den Griff zu kriegen.Nach präziser Anleitung wird Schritt für Schritt der Rechner gezähmt, das Keyboard erobert und das Menü bewältigt. Nach den ersten hundert Seiten von Computer Basics kann der lernwillige Leser schreiben, speichern, drucken und formatieren.

Mit Computer Basics macht der Weg zum IT-Profi dank eingestreuter Geschichten, persönlicher Statements und fröhlicher Fotos richtig Spaß. Auch wenn's jetzt richtig zur Sache geht: Festplatten wechseln, CD-Brenner einbauen oder gleich ein ganzes Netzwerk einrichten - mit der richtigen Hilfestellung kein Problem! Im "Erste-Hilfe-Kapitel" findet Ihr schlaue Tricks, Sofortmaßnahmen gegen Virenbefall - und als letzte Rettung die wichtigsten PC-Telefon-Hotlines.

Allerdings versuchen die Autoren allen verschiedenen Rechnern und Betriebssystemen gerecht zu werden und erteilen deshalb oft ziemlich pauschale und allgemeingültige Anweisungen. Also genau schauen, welche Tipps für Euern PC zutreffen und dann erst loslegen.

Bärbel Schermer, Cecile Prinzbach, Ralf Sablowski: Computer Basics. Alles, was man braucht, um schnell richtig fit zu sein. Gräfe und Unzer, Taschenbuch (168 Seiten), ca. 20 Euro

Kerstin Schmidt

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Weck die Zicke in dir!

Dieses Buch wurde für Frauen geschrieben, die den Zwang zum Lieb- und Nettsein so sehr verinnerlicht haben, dass sie - auch wenn sie ganz offensichtlich nur ausgenutzt werden sollen - einfach nie nein sagen können.

Als einfaches Rezept, sich gegen solche Ansinnen von außen und die entsprechenden eigenen Tendenzen zur Wehr zu setzen, empfiehlt die amerikanische Autorin den Satz "ICH GLAUBE NICHT!" . Das Buch bewegt sich auf der Ebene der populären Lebensberatung, und es sollten deshalb keine allzu tiefschürfenden Erkenntnisse erwartet werden.

Elizabeth Hilts beschäftigt sich jedoch in konstruktiver Weise mit einem Phänomen, das viele Frauen gut kennen dürften, und versucht, den Boden für eine selbstsichere, nicht so leicht von anderen ausnutzbare Einstellung zu bereiten. Dass sie das tut, ohne allzu klischeehafte und vereinfachte Feindbilder ("Alle Männer sind Schweine!") aufzubauen, macht das Buch sympathisch. Etwas unglücklich erscheint die Übersetzung des englischen "bitch" mit "Zicke", aber vermutlich gibt die deutsche Sprache kein besseres Wort her.

Ingrid Zorn

Elizabeth Hilts: Weck die Zicke in dir! mvg Verlag, 176 Seiten, 7,90 Euro

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Paint It, Black!

Als Mathilda den Himmel malen musste, damals im ersten Schuljahr, verwendete sie so viel schwarze Farbe, dass ihr Himmel der letzte war, der trocknete. Er hatte die Kraft eines Gewitters, das überzugreifen drohte auf die fröhlichen blauen Himmel der anderen Kinder. Aber Mathilda hatte den Himmel nur so gemalt, wie sie ihn sah, nachts in ihrem Zimmer im Dachgeschoss: ein kleiner blauer Ausschnitt im Schatten der Zimmerwand, ein Himmel hinter Glas, mit Kanten und vier Ecken.

Aber dann ziehen unerwartet dicke Wolken auf. Am Morgen ihres 18. Geburtstags, an dem der Vater ihr ein Auto schenkt und ein Geständnis macht. "Ich bin nicht dein Vater", sagt er nur. Für Mathilda bricht eine Welt zusammen, sie packt ihre Sachen und haut ohne ein Wort von Zuhause ab. Es sei an der Zeit einige Dinge zu tun, die ihr Vater nie geduldet hätte, sagt sie zu ihrer besten Freundin Julia.

In ihrem Schmerz flüchtet Mathilda in die Großstadt und versucht die Wunde in ihrer Biografie zu schließen: Sie schmeißt zwei Wochen vor dem Abi die Schule, fährt nach Hamburg, schläft im Auto und verteilt Flugblätter für eine Table-Dance-Bar. Egal ob sich Mathilda bei der alten Frau Jeske einquartiert oder mit dem ungehobelten Lukas erotische Spielchen treibt - all die Dinge sollen den übermächtigen Vater verletzen. Schließlich fährt sie mit Julia in die Ferien, einer Reiseroute folgend, deren Orte sie nach dem Alphabet auswählen: Amsterdam, Brüssel, Cannes und weiter. Erst als sie nach Hause zurück kehren, stellt sich Mathilda der befreienden Wahrheit über ihre Kindheit, um in ein neues Kapitel ihres Lebens aufbrechen zu können.

Schön, dass es Nicol Ljubic gelungen ist, an den üblichen Coming-of-Age-Klischees der "Jungen deutschen Autoren"-Riege vorbei zu schreiben. Wer die stille, etwas verbohrte Heldin auf ihrem unspektakulären Weg ins Erwachsenendasein begleitet, wird mit der Offenheit und der beeindruckenden Beobachtungsgabe des Autors belohnt. Ganz besonders aber hat mich die unverschleierte Sichtweise und die einfache sinnliche Sprache berührt, mit der Ljubic die poetischen Momente beschreibt, die Mathilda auf der Suche nach sich selbst hin und wieder begegnen.

Nicol Ljubic: Mathildas Himmel. Eichborn, Hardcover (168 Seiten), 16,90 Euro

Kerstin Schmidt

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Love Is Strong

Wo "Aschermittwoch" beginnt, haben die meisten Liebesgeschichten schon längst aufgehört: Jimmy lässt seine schwangere Freundin Christy sitzen. Macht Schluss, ohne zu ahnen, dass ihre gemeinsame Geschichte jetzt erst richtig losgeht.

Christy nimmt den Bus zu ihrer Familie nach Texas, Jimmy bereut seinen Entschluss im selben Moment und fährt mit seinem 69er Chevy Nova hinterher. Auf einer verschneiten Greyhound-Station holt er Christy ein und überrascht sie mit einem ziemlich impulsiven Heiratsantrag. Aber die Entscheidung, eine Familie zu gründen, ist gar nicht so einfach. "Nie werde ich jemand mehr lieben als dich", sagt Jimmy. "Die Frage ist also: Glaube ich an die Liebe?"

Auf der Fahrt von Kingston über Manhattan, Cincinnati und New Orleans bis nach Houston haben die beiden eine Menge Zeit, sich darüber klar zu werden und ihr Gepäck an Familiengeschichten, Komplexen, Ängsten und Träumen miteinander zu teilen. Aber zwischen Treueversprechen und Kinderwunsch geht es doch nur um die eine große Entscheidung: Ob man nämlich einem anderen Menschen "das Einzige" schenken will, "was wir wirklich zu geben hatten: unsere Zeit".

So banal diese Erkenntnis auch scheinen mag, so berührend und aufwühlend erzählt Ethan Hawke diese Geschichte von zwei Menschen und ihrem gemeinsamen Weg aufeinander zu. Dass er schreiben kann, hat der Schauspieler (Club der Toten Dichter, Reality Bites, Gattaca) schon in seinem ersten Roman "Hin und Weg" bewiesen. In "Aschermittwoch" geht es wieder - und diesmal noch eindrücklicher - um die großen Themen Liebe, Vertrauen, Glück und Verantwortung. Dabei schildert Hawke mal aus Jimmys, mal aus Christys Perspektive, wie schwierig und schmerzhaft es doch sein kann, jemanden zu lieben und denjenigen, wie sich selbst, mit seinen ganzen Schwächen anzunehmen.

Freut euch auf die seltenen Einblicke in das Seelenleben von Mann und Frau und natürlich auf Jimmys glorreiche Erkenntnisse: "Ich habe eine Theorie: Wenn eine Frau einen Mann wirklich halten möchte, muss sie ihn nur erzählen, dass sie an ihn glaubt und dass er einen großen Schwanz hat. Mehr ist nicht nötig. Und es muss nicht mal stimmen."

Ethan Hawke: Aschermittwoch. Kiepenheuer & Witsch (315 Seiten), 19,90 Euro

Kerstin Schmidt

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Reisen zu Marco Polos Zeiten

Eine Buchreihe beleuchtet die Grundlagen der Moderne aus der Sicht von Entdeckern und Weltreisenden.

Wie sehr Geschichte und Geographie miteinander verbunden und wie weitreichend Entdeckungen vor 500 bis 700 Jahren waren, zeigt eine kleine Buchreihe aus dem Heyne-Verlag. Sechs kommentierte Reise- und Zeitzeugenberichte aus dem Zeitalter der Entdeckungen sind hier zusammengestellt und entwerfen eine Vision vom Aufbruch in ein neues Zeitalter: die Moderne.

Von Marco Polo bis Sir Francis Drake reicht die Sammlung, die nun erstmals in Taschenbuchform erhältlich ist. Die Reihe lässt in abgeschlossenen Einzelausgaben die großen Entdecker selbst zu Wort kommen. Ihre Ausführungen sind kritisch kommentiert und in einen historischen Kontext gesetzt.

Chronologisch gesehen, beginnt die Reihe mit Marco Polos Reisebericht „Von Venedig nach China“. Im Alter von 17 Jahren brach er in Richtung China auf und kehrte 20 Jahre später nach Venedig zurück. Sein Reisebericht aus dem 13. Jahrhundert gilt als eine der bedeutendsten Quellen des Spätmittelalters.

Knapp 30 Jahre später, 1325, machte sich der junge Ibn Battuta von Tanger aus auf, um nach Mekka und Medina zu reisen. Er kehrte erst 1353 zurück, weil er ganz nebenher fast die gesamte damals bekannte Welt außerhalb Europas bereiste. Sein farbenfroher Bericht von den „Reisen ans Ende der Welt“ belegt die kulturelle Führungsrolle der Araber in jener Zeit.

„Das Bordbuch“ von Christoph Columbus von 1492 stürzt die Leser mitten hinein in das Entdecker-Wettrennen zwischen den Portugiesen und Spaniern. „Das Bordbuch“ beinhaltet nämlich nicht nur Columbus´ eigene Aufzeichnungen von der Entdeckung der neuen Welt. Hier finden sich auch die Niederschriften anderer Teilnehmer der Expedition sowie die dramatisierten Erinnerungen von Mitgliedern des Hofes und der Gesellschaft, so dass die historischen Ereignisse in einen weiten politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt werden.

Im nächsten Band der Reihe berichten Augenzeugen über „Die Entdeckung des Seewegs nach Indien“ durch den Portugiesen Vasco Da Gama (1497-1499). Dieser große Konkurrent von Columbus löste die von der portugiesischen Krone gestellte Aufgabe, eben jenen Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung herum nach Indien zu finden. Dass Columbus gleich einen neuen Kontinent entdeckte, deshalb berühmter wurde und die Spanier reicher machte, konnte ja keiner ahnen.

Konsequent führt Columbus´ Triumph zu den Aufzeichnungen des Spaniers Hernan Cortés über „Die Eroberung Mexikos“ (1520-1524), die er an seinen Herrn, den Kaiser Karl V. schickte. Seine kriegerischen Eroberungen im Gefolge von Columbus und Da Gama sorgten blutigst dafür, dass die Atzteken-Reiche vernichtet wurden, ihr Gold der Spanischen Krone unermesslichen Reichtum verschaffte und der Mythos von El Dorado den ersten Siedlerstrom in die Neue Welt auslöste.

Berichte, Dokumente und Zeugnisse des Seehelden Sir Francis Drake und seiner Zeitgenossen beschreiben in „Pirat im Dienst der Queen“ das letzte Kapitel des Zeitalters der Entdeckungen. Die Faszination des kühnen Freibeuters und Tausendsassas Drake hat auch 400 Jahre später nichts von ihrem Glamour eingebüßt. Der Abenteurer, Agent und Weltumsegler war in der Zeit von 1567 – 96 mehr als nur ein Vorbote für Spaniens Niedergang. Seine Raubzüge zur See, der Angriff auf Panama und San Juan sowie die Entdeckungen seiner Weltreise bildeten den Grundstock für Englands Aufstieg zur Weltmacht.

Hier wie in den anderen Bänden der Reihe ist es vor allem das Zusammenspiel von kurzen historischen Einführungen, Zeitzeugenberichten, Briefen und Dokumenten, die aus der Historie spannende und faszinierende Bücher machen. Die menschlichen Schicksale und Tragödien, die hier angerissen werden, schärfen den Blick für die Komplexität von Geschichte. Das ist so spannend, dagegen ist jeder der gerade so populären Historischen Romane entsetzlich langweilig.

Harald Witz

Marco Polo - Von Venedig nach China. Heyne, 338 Seiten
Ibn Battuta - Reisen ans Ende der Welt. Heyne, 315 Seiten
Christoph Columbus - Das Bordbuch. Heyne, 349 Seiten
Vasco da Gama - Die Entdeckung des Seewegs nach Indien. Heyne, 237 Seiten
Hernán Cortés - Die Eroberung Mexikos. Heyne, 333 Seiten
Sir Francis Drake - Pirat im Dienst der Queen. Heyne, 348 Seiten, jeweils 8,50 Euro

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Tödliche Recherche

Melanie ist Journalistin - jung, hübsch, tot. Alex will den Mörder ihrer besten Freundin finden und stürzt dadurch in eine Beziehungskrise mit Michael. Reporter Hans will Alex und setzt seinen ganzen Charme ein. Erst im Liebestaumel, dann in Lebensgefahr – hinter dem düsteren Titel verbirgt sich eine raffinierte, spannende Kriminalgeschichte. Welche brisanten Geheimnisse wollte die Reporterin enthüllen? Wer wollte dies verhindern? Und welche Rolle spielt das Stadtmagazin im mysteriösen Münchner Medien-Milieu? Ideal als Ferienlektüre, denn am Tatort im Englischen Garten bekommt ihr die perfekte Mischung aus Gänsehaut und Sonnenbrand!

Kerstin Schmidt

Billie Rubin: Schwabinger Schatten. Vertigo Verlag, 208 Seiten, 10 Euro

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Schlaflos in München

Schlaflos in München Miriam lebt anders als der Rest der Welt. „Polyphasisches Schlafmuster des desorganisierten Typus“ lautet die Diagnose. Für Miriam bedeutet das: Spaghetti um fünf Uhr morgens, vor der Tagesschau ins Bett und nachts Spaziergänge durch München.

Die Anekdoten der Ich-Erzählerin amüsieren auf den ersten Seiten von Claudia Frenzels Roman „Nö“; die Autorin bringt den Leser durch den saloppen Umgang Miriams mit ihrer Schlafkrankheit öfters zum Schmunzeln – zum Beispiel, wenn sie schreibt „...an weite Reisen oder einen Acht-Stunden-Job ist nicht im Traum haha zu denken...“. Witzig ist auch die Begegnung Miriams mit Reich-Ranicki und Wondratschek in der Gaststätte Leopold beschrieben. Wenn Miriam im Laufe des Buches aber nicht mehr aus dem Haus geht, ohne einen Promi zu treffen, und ununterbrochen möchtegern-komisch über ihre Schlafkrankheit palavert - sie malt sich sogar ihr eigenes Beerdigungsszenario aus, inklusive Grabstein, auf dem „Endlich kann sie ausschlafen!“ steht -, dann ist nicht nur Miriam, sondern auch dem Leser zum Schlafen zumute.

Nadine Nöhmaier

Claudia Frenzel: Nö! dtv-Verlag, 220 Seiten, 14 Euro

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Frausein light

Doc Martens und Wochentags-Höschen, David-Bowie-Poster und Unisex-Parfüm, RAF und Aids, die erste Interrail-Tour und das Leben vor dem Privatfernsehen. In ihrem Debüt „Generation Ally“ analysiert Katja Kullmann die Frauengeneration, die in den 80ern pubertierte – mit Eltern, die ihre Eigenheime in Blumennamen-Strassen errichten und Lehrern, die auf ewig Bob Dylan verehren. Heute sind die Mädels der Jahrgänge 1965 bis 1975 erfolgreich im Job, kennen sich aus in Sachen Lifestyle und Sex – und ihr Idol heißt Ally McBeal. Zwischen Alice Schwarzer und Verona Feldbusch groß geworden, wissen sie nur eins: Kein Karrieremonster werden, aber noch weniger Hausmütterchen und schon gar kein Boxenluder! Vielleicht etwas klischeehaft, eine ganze Generation über einen Kamm zu scheren. Aber dieses Buch will in erster Linie unterhalten – „Soziologie light“ mit einem hohen Nostalgiefaktor!

Kerstin Schmidtr

Katja Kullmann: Generation Ally. Eichborn Verlag, 217 Seiten, 14,90 Euro

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Legenden leben ewig

Der Berliner Comicverlag Egmont Ehapa setzt Lucky Luke mit dem Band „Eine Westernlegende“ ein Denkmal – allerdings fast unfreiwillig.

Auch Comic-Figuren können sich irren. Irgendwann in den Weiten des Westens sagt Lucky Luke über sich: „Ich habe nur einen Namen, aber nicht das Zeug zu einer Westernlegende.“ Das ist die Bescheidenheit des Westmanns, dessen Herz am rechten Fleck sitzt, der dem Tod schon hundertmal ins finstere Auge geblickt hat, der stets der guten Sache zum Sieg verhalf.

Aber: Der „poor lonesome Cowboy“ ist längst zu einer Legende geworden. Dennoch ist es eher Zufall als Kalkül, dass der Berliner Egmont Ehapa Verlag jetzt Eine Westernlegende veröffentlicht - fast genau ein Jahr, nachdem Morris, Lucky Lukes geistiger Vater, in die ewigen Jagdgründe einzog. Denn Maurice de Bévère, wie Morris, der Belgier, mit bürgerlichem Namen hieß, verstarb 77-jährig am 16. Juli 2001.

In Eine Westernlegende geht es eigentlich gar nicht um Lucky Luke und sein nicht minder berühmtes Pferd Jolly Jumper, sondern um Buffalo Bill, der mit seiner Wildwest Show Anfang des 20. Jahrhunderts in den Oststädten der USA triumphale Erfolge feiert. Buffalo Bill, unter Historikern höchst umstritten, inszenierte damals sein Zerrbild davon, wie der weiße Mann den Westen eroberte. Sogar sein Erzfeind Sitting Bull machte mit und trat auf. Auf diese Helden trifft Lucky Luke in Eine Westernlegende - und auf noch ein paar mehr: die Winchester-Lady Anny Oakley ist ebenso mit dabei wie die Dalton-Gang und ihre trotteligen Vettern.

Das macht den 76. Lucky-Luke-Band zu einem der typischsten der Reihe, denn von Anfang an entlieh Morris die Figuren seiner Stories der US-Geschichte. Er ließ Billy the Kid, Jesse James, Calamity Jane, Richter Roy Bean oder Sarah Bernhardt Seite an Seite mit Lucky Luke in den Sonnenuntergang reiten.

Wer heute einen Lucky-Luke-Band aufschlägt, der begibt sich auf eine zweifache Zeitreise. Zum einen eben die Begegnung mit den realen Mythen des Wilden Westens, die als Karikaturen ihren Mythos einbüßen und an Herzlichkeit gewinnen. Zum anderen die Begegnung mit einer Art zu zeichnen und zu erzählen, wie sie heute nicht mehr denkbar wäre. Damals aber richtungsweisend die Szene, wie in einem Bild Lucky Luke an dem Strohalm einer Cola-Flasche saugt, im nächsten Bild nur die dünne Rauchfahne aus dem Holster anzeigt, dass der Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten, wieder in Aktion getreten ist (ungerührt nuckelt er weiter an der Cola), und im dritten Bild endlich die vier Daltons, die fluchend ihre Hosen festhalten, weil der Scharfschütze ihnen die Gürtel weggeschossen hat. Comics, insbesondere Mangas, wie sie in den vergangen zehn Jahren entstanden sind, bräuchten für den gleichen Bewegungsablauf eine ganze Seite, würden sich in Schnitt und Gegenschnitt und tausend Bewegungsstrichen verirren.

Das macht den Reiz der Lucky-Luke-Geschichten auch heute noch aus. Morris war verliebt in historische Details, aber nie oberlehrerhaft; er war witzig, aber nie aberwitzig. Er reitet jetzt in einem Tal, in dem sein Schatten niemals kürzer wird. Und neben ihm Lucky Luke - eine echte Westernlegende.

C.C. Filius

Lucky Luke, Bd. 76, „Eine Westernlegende“, Morris/Patrick Nordmann, Egmont Ehapa Verlag, Berlin, 8,60 Eur

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Voyeuristische Spannung

June ist jung, schön und gelähmt, und sie lebt in einer Wohnung mit großem Fenster, das ihren Nachbarn von Gegenüber zum Beobachten einlädt. June genießt die Blicke. Als sie ihre E-Mail-Adresse an ihre Wand pinselt, beginnt eine halb virtuelle, halb reale Amour Fou zwischen ihr und ihrem Voyeur.

Seitenweise sind die darauf folgenden E-Mail-Dialoge der beiden in Thommie Bayers Roman „Das Aquarium“ dokumentiert; aufgelockert werden diese mit Szenen aus dem Parallel-Alltag der beiden und ihren jeweiligen Vorgeschichten. Eine gemeinsame Fortsetzung des Lebens der vom Schicksal gezeichneten Nachbarn drängt sich auf.

Thommie Bayer (geboren 1953 in Esslingen) wirft lakonisch mit Worten um sich, manchmal auch brutal, beispielsweise, wenn der Nachbar die Gestalt der Rollstuhlfahrerin June als „Oberkörper mit sinnlos herunterbaumelnden Extremitäten“ sieht. Geschickt macht der Autor auch den Leser zum gebannten Spanner; seinen raffiniert gestrickten Roman, der mit vielen wunderbaren Details verziert ist, mag man nicht aus der Hand legen, so lange gegenüber noch etwas zu sehen ist.

Nadine Nöhmaier

Thommie Bayer: Das Aquarium. Eichborn 2002, 336 Seiten, 19,90 Euro.

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Skandalöses Vermächtnis?

„16 Jahre nach seinem Tod erstmals zugänglich: das skandalöse Vermächtnis des italienischen Literaturstars Goffredo Parise.“ So macht der Piper Verlag Parises autobiographischen Roman „Der Geruch des Blutes“ schmackhaft.

Skandalös an dem Roman ist höchstens dessen zu viel versprechende Werbung. Die Geschichte ist einfach: Silvia und Filippo sind seit 20 Jahren verheiratet. Eines Tages stürzt sich Silvia in eine Affaire mit einem viel Jüngeren, einem Halbstarken in Lederkluft. Ein langatmiges, sich immer wiederholendes und arg psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen den Eheleuten folgt, das zumeist am Telefon stattfindet. Während Silvia der Faszination des Primitiven erliegt, dem Geruch des Blutes, versucht Filippo durch ständiges Fragen, alle Details der Liaison zu erfahren.

Das Problem dabei: Die ewig gleich ablaufenden Gespräche zermürben nicht nur Silvia, sondern auch den Leser. Zudem erklärt der Autor jeden Gedankengang Filippos allzu ausführlich, was dem Leser das eigene Denken abnimmt. „Dieser Roman sollte nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Parise versiegelte ihn nach der Niederschrift und nahm ihn nie wieder zur Hand“, schreibt der Piper Verlag. Vielleicht wusste der Italiener ganz genau, warum.

Nadine Nöhmaier

Goffredo Parise: Der Geruch des Blutes. Piper 2002, 276 Seiten, 19,90 Euro.

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Alles für den Eimer?

Ein Melancholiker ist ein Mensch, der, seinen Blick nach hinten richtend, in der Vergangenheit stets das Versäumte sucht und entgangenen Gelegenheiten nachtrauert. Was wäre gewesen, wenn...? Wie ein Geißler fügt er sich mit der Peitsche der Selbstvergewisserung blutende Wunden zu.

Ähnlich lässt sich die Motivation des Rezensenten des Buches 101 Gründe, nicht zu studieren beschreiben, als er das zu besprechende Werk in seine zittrigen Hände nahm. "War der ganze Käse umsonst?", fragte sich der MAYERS-Redakteur, der seit zwei Jahren seinen Magisterhut spazieren führt.

Seine Angst wich einer grimmigen Entschlossenheit, sich seinen Lebensweg nicht von einem Miesepeter kaputt reden zu lassen. Was kann da schon groß drinstehen? Dass einem ein Studium keine besseren Perspektiven eröffnet? Pah! Mit einem Studium kann man reich und berühmt werden. Zum Beispiel als MAYERS-Redakteur.

Auf der letzten Seite des Buches angelangt, kann der Rezensent sein zum Selbstschutz errichtetes Bollwerk nicht länger verteidigen gegen die Argumente des Autors, die wie Kanonenkugeln die Bastionen seines Weltbildes erschüttern. Zu niederschmetternd sind die Gründe, die der Autor ins Feld führt.

Glatt widerlegen kann Zeller seine bisherige Annahme, Studenten würden die Uni zwecks Mehrung ihres Wissens besuchen. Nein, es ist die Suche nach frohem Jugendleben. "Was das frohe Jugendleben beinhaltet, weiß man vorher nicht so genau, denkt aber, es demnächst zu erfahren. Schon so irgendetwas mit viel Sex, abends lange weggehen, morgens lange ausschlafen, viel Sex, trinken und rauchen und zwar harte Sachen, Sex, beliebt sein, Sex. In der Reihenfolge. Und dann noch sexuelle Erfahrungen sammeln."

Ebenso entlarvt Zellers Röntgenblick die Arbeit der Professoren, die ja bekanntlich durch ihr selbstloses Wirken den Fortschritt der Menschheit vorantreiben. Ohne ihren väterlichen Rat würden die Studenten wohl immer im intellektuellen Dämmerschlaf verharren: "Als die Professoren noch studierten, da stand ein Professor im Range eines Hohepriesters, der sich von den Studenten anbeten ließ. Heute ist das anders.

Heute kommt sich ein Professor vor wie ein Gott. Denn wie Gott kann er Gebote und Plagen erlassen und entscheidet über Wohl und Wehe ganzer Volksscharen". Wie ein Kartenhaus brach schließlich der Irrglaube des Rezensenten zusammen, die Frucht monatelanger, entbehrungsreicher Studien, seine Scheine, wären Ausdruck seines geistigen Reifens. "Die Bezeichnung Schein rührt weniger von dem Papier her, das eine erbrachte Leistung bescheinigt, sondern soll durch die Assoziation mit Geld suggerieren, dass es etwas wert wäre."

Gramgebeugt und von der Nichtigkeit seines langjährigen universitären Wirkens überzeugt, kann der Rezensent der studentischen Nachwelt nur noch einen gutgemeinten Tipp geben: Leute, lest dieses Buch lieber nicht...

Frank Buchenau

Bernd Zeller: 101 Gründe nicht zu studieren, Piper Taschenbuch, 113 S., 7,90 Euro

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Training fürs Hirn

Was macht Mozart hoch zu Ross auf einem Heuwagen, bekleidet mit einem gewebten grünen Pullover, in der einen Hand einen Blumenstrauß, in der anderen einen mit Punsch gefüllten Humpen, der ihm den Bizeps anschwellen lässt? Ganz einfach: Er hilft uns dabei, berühmte Opernkomponisten im Gedächtnis zu behalten.

Je abstruser die Bilder sind, die wir uns als Erinnerungshilfen ausdenken, desto besser funktionieren sie, meint Gregor Staub, der Autor von "Mega Memory". Optimales Gedächtnistraining für Privatleben, Schule und Beruf - so der Untertitel des Buches - will er vermitteln und macht die Leser mit Techniken vertraut, die helfen, Informationen aller Art so im Gedächtnis zu verankern, dass man sie bei Bedarf sofort wieder findet. Wer seinen Rat befolgt und als erstes die Übung auf der beigelegten CD mitmacht, merkt schnell, wie gut es funktioniert und dass es sogar Spaß macht!

Die Methoden selbst sind zwar nicht neu, sondern waren zum Teil schon den alten Griechen bekannt; Gregor Staub hat den Stoff aber didaktisch so gut aufbereitet, dass am Ende jeder, der das Buch ernsthaft durchgearbeitet hat, in der Lage sein sollte, sich eine 20-stellige Zahl zu merken und ähnliche Gedächtnisleistungen zu vollbringen.

Ingrid Zorn

Gregor Staub: "Mega Memory", mvg-Verlag, Hardcover, 220 S. + CD, 39,80 Mark.

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Islam zum Nachschlagen

Heute bekennt sich ein Fünftel der Menschheit zum Islam. Dennoch wissen hierzulande nur wenige Genaueres darüber. Wie vielschichtig diese Weltreligion ist, stellt Murad Hofmann im Paperback "Islam" dar. Der Autor arbeitete 33 Jahre lang im diplomatischen Dienst und konvertierte 1980 zum Islam.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Buches zeigt, wie vielfältig die Themen sind. Hofmann spannt den Bogen von den Glaubensinhalten über die Geschichte des Islam bis zur Situation in der Gegenwart. Die einzelnen Kapitel gehen meist nicht über eine Seite hinaus, die darin enthaltene Information ist aber sehr komprimiert.

Zu Fragen, die im Zusammenhang mit dem Islam immer wieder aufgeworfen werden, stellt der Autor die unterschiedlichen Standpunkte vor, so dass man sich als Leser selbst ein Urteil bilden kann. Zum Beispiel setzt sich Hofmann mit dem Widerspruch zwischen unabänderlicher Vorherbestimmung und freiem Willen auseinander.

Der Leser stößt immer wieder auf interessante Details, die in vielen anderen einführenden Büchern über den Islam nicht vorkommen. Es weiß wohl kaum jemand, dass die Vorlage für "Robinson Crusoe" von einem Araber (Ibn Tufail) stammt.

Einige wenige Kapitel sind allerdings schwer verständlich. So werden nur Theologen und Philosophen etwas mit dem Abschnitt über "Die gnostische Schöpfung" anfangen können, weil diese mit Begriffen wie Monismus, Materialismus etc. besser vertraut sind.

Im Anhang finden sich ein Begriffs- und Namensglossar, ein Sachwortregister zum schnellen Nachschlagen, Literaturhinweise und ein Adressverzeichnis islamischer Zentren in Deutschland.

Nadja Gosch

Murad Hofmann: Islam, Diederichs kompakt, 12,90 Mark.

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Souverän geklammert

Peter, der Erzähler in Fridolin Schleys Debütroman "Verloren, mein Vater", ist in München aufgewachsen und studiert in Freiburg Medizin. Eines Tages verschwindet sein Vater. Dass diesem nichts zugestoßen ist, ist bald klar.

Immerhin schickt er seinem Sohn regelmäßig Fotos. Peter allerdings nimmt keinen Kontakt zu seinem Vater auf, obwohl er die Möglichkeit dazu hätte. Vielmehr beginnt er, in seiner Erinnerung nach Brücken in die Vergangenheit zu suchen. So taucht der Leser in die Welt von Peters Eltern und Großeltern ein. Peter sucht noch mehr - seine Cousine beispielsweise. Die findet er nicht.

Überhaupt sucht der Erzähler vor allem nach Dingen, die er nicht findet. Gerade in dieser Hinsicht versteht man ihn oft nicht. Genauso viel und so wenig, wie man sich selbst nicht versteht. Fridolin Schley macht nicht wie so viele Jungautoren den Fehler, die Welt erklären zu wollen. Und gerade dadurch nimmt man ihm die Geschichte ab.

Schley schreibt mit spielerischer Leichtigkeit. Die Sätze sind kurz. Die Sprache ist klar und flüssig. Letzteres wohl auch durch eine Eigenart des Autors, die einen zunächst befremdet: Er benutzt Klammern - und das exzessiv.

Aber was man erst gewöhnungsbedürftig findet, lernt man bald zu schätzen. Schley verschont den Leser durch diese Technik nämlich mit Nebensatzungeheuern, die so viele Bücher verunstalten. Man tut sich jedenfalls schwer, den Roman wegzulegen, wenn man einmal damit angefangen hat.

Er fesselt. Alles in allem ein bemerkenswertes Werk, das aus der Flut von Büchern junger Autoren, die derzeit auf den Markt geworfen werden, heraussticht. Der Autor (Jahrgang 1976) hat an dem von der LMU, dem Literaturhaus und dem Bertelsmann-Verlag initiierten Kurs für Kreatives Schreiben (www.muenchen.de/referat/kultur/institute/lit-haus/manuskriptum/index.htm) teilgenommen. Fridolin Schley scheint einiges mitbekommen zu haben. Talent sicherlich - und ein hohes Selbstbewusstsein. Ein solches braucht man auch, um im ersten Satz seines Debütromans eine Klammer einzuschieben.

Florian Kast

Fridolin Schley: "Verloren, mein Vater", Verlag C. H. Beck, 38 Mark

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Vietnam: Urlaub ohne Neckermänner

Seitdem Thailand als geldbeutelschonendes Reiseziel gilt, kommt zu den Strapazen des Langstreckenfluges auch noch die unvermeidliche Gesellschaft üble Klischees bestätigender Neckermänner. Zeit, sich nach einem neuen Reiseziel umzusehen! Zumindest dem abenteuerlustigen Menschenschlag bietet das noch nicht allzu lang touristisch erschlossene Vietnam eine interessante Alternative.

Eine neue Reihe sozio-kultureller Reiseführer bei Hueber hat das Ziel gesetzt, bei der Entdeckung dieses zum Teil noch wenig an Touristen gewöhnten Landes Hilfestellung zu leisten. Die Reihe Kultur-Schlüssel versteht sich als eine Art Kultur-Knigge für all jene, die sich für Gesellschaft, Tradition und Politik ihres Reiselandes interessieren. Wer Gespräche sucht und gern neue Bekanntschaften schließt, wird auch während der Reise gern die paar Hundert Gramm mehr im Reisegepäck mit sich herumtragen, um auf unvorhergesehene Situationen richtig reagieren zu können. Eine spontane Einladung zum Essen beispielsweise mag manchem als gute Gelegenheit erscheinen, fremde Essgewohnheiten kennen zu lernen, doch sollte man wissen, wann man sie besser ablehnt: in Nordvietnam nämlich dann, wenn sie nur einmal ausgesprochen wurde.

Diese interessante und durch die historischen Lebensbedingungen der Menschen in diesem Landstrich auch gut begründete Information erhält der Leser im 'Kulturspiel' am Ende des Buches. Hierbei handelt es sich um ein kleines Frage-und-Antwort-Spiel ähnlich Psychotests in Frauenzeitschriften. Der Autor Hans-Jörg Keller, im Hauptberuf Lehrer, kam wohl nicht umhin, eine Art Lernerfolgskontrolle einzubauen...

Zum Glück gibt es im Buch viel mehr zu lernen, als in den zehn Situationen des Kulturspiels abgefragt werden kann. So gibt es zahlreiche farbig unterlegte Textkästen, in denen Tipps, Sprachhilfen und Zusatzinformationen übersichtlich vermittelt werden. Auch sonst ist das Buch pädagogisch durchdacht aufgebaut: den Anfang macht eine kleine Geschichte, in der sich der Leser in der Figur des interessierten Fluggastes wiedererkennen kann. Eine gute Hilfe beim Querlesen sind die ausführlichen Randnotizen: diese Textpassagen ermöglichen es, den Inhalt ganzer Kapitel schnell zu erfassen. Allerdings ist die rote Schrift auf grauem Hintergrund schlecht lesbar.

Derb geht es im Kapitel 'Musik und seltsame Kunstfertigkeiten' zu. Hier wird vietnamesische Musik mit Essensgeräuschen und solchen des Spuckens und Rotzens auf eine Stufe gestellt. Autsch, das ging daneben - dieser Vergleich ist ein geschmackloser Missgriff, der in seiner kulturellen Ignoranz nicht hierhin gehört.

Der Kulturschlüssel Vietnam ist ein knapp gefasstes und dennoch ausführliches, gut lesbares Buch. Es öffnet die Augen für die Andersartigkeit des Landes und gibt dem Leser konkrete Tipps, wie sich Kulturschocks überwinden und Fettnäpfchen umgehen lassen. Wer also mehr von seiner Vietnamreise haben will, dem ist zusätzlich zu einem eher reisetechnisch orientierten Reiseführer die Lektüre des KulturSchlüssels unbedingt zu empfehlen.

Agnes Hach

Hans-Jörg Keller: KulturSchlüssel Vietnam, 310 Seiten, farbig, ISBN 3-19-005309-X, Max-Hueber-Verlag, 29,80 Mark

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Studienführer Großbritannien/ Nordirland

Was für uns die ZVS ist, ist für Großbritannien UCAS. Wer ein Semester oder sogar ein ganzes Studium in England, Schottland, Wales oder Nordirland plant, der sollte über diese Dinge Bescheid wissen. Der Studienführer Großbritannien/ Nordirland des Cornelsen Verlags gibt einen Überblick über das Gewirr an Begriffen und Abkürzungen rund ums Studium auf der Insel. Auf 192 Seiten findet der Leser Informationen und praktische Tipps, angefangen bei der Auswahl der Hochschule über die Zimmersuche hin zur Formalitäten, wie die Krankenversicherung, den EU-Führerschein oder die Studiengebühren. Man erhält auch Hintergrundwissen zum Beispiel über das britische Erziehungssystem und das Hochschulwesen oder auch das Studentenleben an sich. Außerdem wird man instruiert, auf Englisch Bewerbungsschreiben und Lebensläufe zu verfassen.

Alle Informationen in dem Studienführer werden sehr übersichtlich präsentiert. Die zentralen Begriffe stehen zur Verdeutlichung nochmals am Rand; wichtiges englisches Vokabular steht im Text kursiv hinter dem entsprechenden, deutschen Wort.

Jedes Kapitel des Buchs beginnt mit einem Quiz über Großbritannien in englischer Sprache. So wird zum Beispiel gefragt, was ein "Christmas pudding" ist; man erfährt hier vielleicht interessante, aber für das Studium unwichtige Dinge. Das Kapitel endet mit wiederum englischsprachigen Fragen zu Inhalt und Fachvokabular des vorher Gelesenen. Hier brachte man auch Grammatikübungen unter, die im Prinzip überflüssig sind, da man sie, wenn man sie nicht bereits gelernt, hiermit bestimmt auch nicht mehr begreift.

Doch im Großen und Ganzen stellt das Buch eine nützliche Informationsquelle dar, nicht zuletzt durch den Anhang, der mit Abkürzungen, Internet-Adressen und Listen wichtiger Institutionen das Wesentliche zusammenfasst.

Lisa Schmidt

Maureen Lloyd-Zörner: "Studienführer Großbritannien/ Nordirland. Infos, Tipps, Übungen", Cornelsen & Oxford University Press, Berlin 2000, 24,80 Mark

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Der amerikanische Traum.
Mit Greencard oder Visum in die USA

Ganz ohne pädagogischen Zeigefinger und dennoch nicht weniger informativ und nützlich kommt eine weitere Neuerscheinung zum Thema Auslandsaufenthalt daher. Wem die Grenzen Europas immer noch zu eng sind, so dass er mit einem Aufbruch ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten liebäugelt und sich vielleicht sogar vorstellen könnte, dort auf Dauer Fuß zu fassen, dem bietet "Der amerikanische Traum" die Gelegenheit, seine Vorstellungen mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Der große Vorteil dieses Buches im Vergleich zu anderen Ratgebern liegt im Umfang begründet: Auf über 500 Seiten werden nicht nur alle Möglichkeiten für einen langfristigen Aufenthalt in den USA beschrieben und anhand praktischer Beispiele verdeutlicht, sondern auch Tipps zur sozialen Absicherung und zu Alltagsfragen wie Studium und Arbeitssuche gegeben.

Dadurch, dass es nicht wie die meisten Ratgeber bei der erfolgreichen Einreise aufhört, sondern wesentlich weitergeht, kann es dem Leser einen breiteren Horizont vermitteln. Zwei Autoren mit einander ergänzender Perspektive - der US-Immigrations-Anwalt Liam Schwartz und der deutsche Caritas-Auswanderungsberater Georg Mehnert - haben diesem Buch seinen sehr praxisnahen Charakter gegeben. Es ist sinnvoll in die einzelnen Themengebiete gegliedert - Basisinformationen, Nichteinwanderungsvisa, Einwanderungsvisa und allgemeine Tipps. Auch wer sich mit dem Thema schon etwas beschäftigt hat, findet hier noch Neuigkeiten.

Ein umfangreicher und vor allem aktueller Adressteil ergänzt das letzte Kapitel. Auch in den USA wiehert der Amtsschimmel - da helfen Tipps zur Vermeidung von Problemen im Umgang mit den US-Behörden. Außerdem sind im Anhang fast alle Formulare abgedruckt, die man je auf dem Weg in die Vereinigten Staaten brauchen könnte. Nach der Lektüre dieses Buches steht der Verwirklichung des "amerikanischen Traums" eigentlich nichts mehr im Wege...

Agnes Hach

Liam Schwartz und Georg Mehnert: "Der amerikanische Traum. Mit Greencard oder Visum in die USA", interconnections Verlag, 1. Aufl. 2000, broschiert, 48 Mark

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