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MAYERS - Ausgabe 1/2004
 

Fasching feiern, Demonstrieren, Meditieren, Wandern, Reisen, Drogen nehmen:

Alles Dinge, über die wir MAYERS-Redakteure schreiben wollen. Und alles Dinge, die man unter dem Oberbegriff „Weggehen“ fassen kann - zumindest mit gutem Willen.

Weil wir viel guten Willen haben, ist aus dem neuen MAYERS ein Weggeh-MAYERS geworden. Mit etlichen Texten, Meinungen und Verlosungen zum Weggehen. Und mir bleibt jetzt konsequenterweise auch nichts anderes übrig, als, nun ja: Ich muss jedenfalls weg. Sofort. Bis zum nächsten Mal!

PS: Wir finden, dass zu einem gelungenen Abschied auch eine gefühlvolle Hymne gehört. Deshalb hört, wie euch Redakteurin Katrin Braun rät, beim Lesen des neuen MAYERS am besten folgende Songs:

  • „If you leave me now“ von Chicago
  • „Sie ist weg“ von den Fantastischen Vier
  • „Über sieben Brücken musst du gehen“ von Peter Maffay
  • „Gotta get away“ von den Rolling Stones
  • „Ich geh weg“ von Rio Reiser
  • „Go away“ von Gloria Estefan
  • „If you go away“ von Tom Jones
  • „Don´t go away“ von Oasis
  • „Walk on the wild side“ von Lou Ree

„Wir nehmen die Biergärten mit!“

Was passiert, wenn alle Landschaftsarchitekten aus München weggehen, haben zwei von ihnen exklusiv für MAYERS aufgeschrieben

Von Britta von Rüden und Felix Lüdicke

Wenn es nach dem Konzept der Hochschulleitung der TU München geht, dann können wir unser Fach Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung bald an keiner bayerischen Uni mehr studieren. Für uns hieße das: Weggehen. Weggehen, um in Kassel, Hannover, Berlin oder Dresden zu studieren.
Weil die Ausbildung an der TU München einen hervorragenden Ruf genießt, München der einzige Unistandort des Fachs im süddeutschen Raum ist und die Landschaft in Hannover nicht dieselbe ist wie in Bayern, wollen wir nicht weggehen.

Und deshalb sind wir erstmal demonstrieren gegangen – demonstrieren, was Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung ist, welche Aufgaben sie erfüllen und was Bayern und München verlieren würden, wenn wir weggehen.
Unter dem Motto „Bayern ohne Landschaftsarchitektur? Bayern ohne Landschaftsplanung?“ haben wir eine „Verhüllungsaktion“ gestartet, bei der wir Orte aus dem Münchner Stadtbild geschwärzt haben, um vor Augen zu führen, was Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung ist:
Das ist der Englische Garten - das ist Picknicken, Frisbeespielen, Eisbachsurfen und amerikanischen Touristen beim Nacktbader gucken zugucken – das ist Landschaftsarchitektur!

Das ist die Isarrenaturierung – das ist Sonnenbaden, Sauerstofftanken, Isarplanschen und in lauen Flauchernächten Grillen beim Grillen lauschen – das ist Landschaftsplanung!

Das ist Königsplatzpromenieren und Schlossparkbestaunen, Nationalparkwandern und Kulturlandschaftradln, Westparkkinogucken und Ostparkrodeln, Hofgartenboulespielen und Schlosskanalschlittschuhlaufen, BuGabesuchen und Olympiaparken, Biotoppicknicken und Hinterhoffestefeiern und alles ist lebenswert, ganz nah und umsonst.

Wenn Bayern meint, dass es auf uns verzichten kann, dann müssen wir weggehen. Aber beschwert euch nicht, wenn wir die Biergärten und die Wiesn mitnehmen - ist ja schließlich auch Landschaftsarchitektur.

  • Die Sparbeschlüsse der bayerischen Staatsregierung sehen bis 2008 Kürzungen von 15 Prozent an den Hochschulen vor.
  • Am 19.12.03 stellt Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, das Sparkonzept „InnovaTUM“vor.
  • Dies beinhaltet unter anderem die Abschaffung des Studiengangs „Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung.
  • Vor zwei Jahren wurde dieser Studiengang durch die ETH Zürich als renommiert und zukunftsfähig bewertet.
  • Die Hochschulleitung hat daraufhin einen Ausbau des Fachs beschlossen.
  • Die TU München ist die einzige Uni in Bayern (und dem gesamten süddeutscher Raum), an der das Fach angeboten wird.
  • Weitere Infos: www.wzw.tum.de/fachschaften/

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Clownerien statt Chemikalien

Als er 15 Jahre alt war, drehte Eugen Altenburger dem bürgerlichen Leben den Rücken zu. Jetzt, 60 Jahre später, muss er auch vom Zirkus weggehen. Studieren aber hätte er trotz harter Zeiten nie wollen.

Von Esther Gusewski

Dabei hätte er eigentlich Chemie studieren sollen – seinen Eltern wollten es so. Eugen Altenburger aber entschied sich anders. Anstatt chemische Formeln zu büffeln, verließ er sein Schweizer Heimatdorf, um Zirkus-Luft zu schnuppern. Mit dem Trio „Die Chickys“ zog er durch die Welt. Jetzt, mit 76 Jahren, geht er in Rente. Als am 31. Januar der Vorhang im Circus Krone fiel, verbeugte Altenburger sich zum letzten Mal. Verstaute seine Kostüme, das Make-up und die Clownsnasen in seinem Koffer und fuhr mit dem Zug zu seinem Alterssitz in der Schweiz. Eugen Altenburger graut es vor dem Ruhestand. „Alle sagen, dass ich es schön haben werde“, sagt er und klingt dabei unendlich traurig. „Kann sein, dass ich es schön haben werde, aber ganz bestimmt werde ich mich langweilen.“

Obwohl die Zukunftsaussichten anfangs mehr als schlecht waren, blieb Altenburger seinem Traum treu. Als er mit 15 zum ersten Mal in einem Zirkus auftrat, tobte in Europa der Zweite Weltkrieg. Ein Leben als Clown?
Familienmitglieder und Freunde hielten ihn für verrückt. Altenburger hörte nicht auf sie. „Die ersten Jahre waren hart, weil mich keiner kannte“, sagt er und seufzt. Oft habe er sich mit Aushilfsjobs über Wasser halten müssen. Der Clown arbeitete als Tellerwäscher und auf einer Kegelbahn. Er gesteht: „Manchmal war ich kurz davor, aufzugeben und heim zu fahren.“ Seine Eltern hätten sich gefreut.

Eugen Altenburger aber blieb beim Zirkus. Er guckte genau zu, wenn die alten Clowns das Publikum zum Lachen brachten und machte sich im Laufe der Jahre selbst einen Namen. Irgendwann rissen sich die Zirkusse um ihn. Er trat in Monaco auf. Beim Circus Krone war er Stammgast. In seiner schmucklosen Gaderobe im Kronebau fühlte er sich wohl.

60 Jahre lang kam der Clown jeden Abend lange vor den anderen Artisten. Hektik war nie sein Ding. Er mochte es gemütlich. Es gefiel ihm, den Tigern zu lauschen. Und wenn sein Gesicht unter einer dicken Schicht weißen Puders verschwand, guckte er sich im Spiegel an und schmunzelte zufrieden. Altenburger war Clown, kein dahergelaufener Spaßmacher. Der Zirkus war und ist sein Leben, etwas anderes hat er nicht. Auch keine Familie.

Warum er den Zirkus verlässt, wo er doch so gerne bleiben möchte? Eugen Altenburger räuspert sich und erklärt: „Das war eine ganz dumme Geschichte.“ Vor zwei Jahren sei es ihm gesundheitlich nicht gut gegangen. Er konnte nicht mehr und hat sich deshalb nach einem Nachfolger umgesehen. Der nahm seinen Platz in der Mangege ein. Für den alten – wieder gesundeten – Chicky gibt es jetzt nichts mehr zu tun. Trotzdem sagt er: „Ich habe mein Leben genau so gelebt, wie ich es leben wollte. Ich würde nichts anders machen.“

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Der Kater soll weggehen!

Von Ingrid Zorn

Die Faschingsparty war echt klasse. Du hast mit lauter supernetten Leuten die witzigsten und interessantesten Gespräche geführt, getanzt bis deine Schuhsohlen gequalmt haben, die ganze Runde zum Lachen gebracht, zwischendurch die leckersten und buntesten Cocktails zu dir genommen ... kurz gesagt: gefeiert bis zum Umfallen. Und genau so fühlst du dich am Morgen danach. Dein Kopf scheint völlig leer zu sein – bis auf eine Mannschaft kleiner Kobolde, die von innen dagegen hämmern. Wenn du versuchst aufzustehen, zieht dir gleich wieder jemand den Boden weg, und wenn du an die leckeren bunten Cocktails vom Vorabend denkst, musst du dich sofort übergeben. Was tun?

Als erstes wirst du wahrscheinlich schwören, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken - aber das wird nicht viel helfen. Versuch es also mit einer oder mehreren der folgenden Maßnahmen:

1. Kopfschmerztablette nehmen
2. Kalt duschen (bringt den Kreislauf in Schwung)
3. Gemüsebrühe trinken
4. Homöopathische Kügelchen nehmen: fünf Stück Nux Vomica D6 (gibt’s rezeptfrei in der Apotheke)
5. An der frischen Luft spazieren gehen
6. Einen Apfel essen
7. Wieder ins Bett legen und noch eine Stunde schlafen
8. Noch eine Kopfschmerztablette nehmen
9. Wieder ins Bett legen und bis zum nächsten Morgen schlafen
10. Weiterfeiern. Prost!

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Socialismo o muerte

Che Guevara und Cohibas, Rumba und Rum, schnittige Oldtimer und
klapprige Ochsenkarren – das ist Kuba, das lebende Museum. Wer dorthin zeitreisen will, sollte bald von hier weggehen: Die Regenzeit ist vorüber, und das System Fidel Castros noch nicht zusammen gebrochen...

Von Nadine Nöhmaier

Im Zickzack brettert der „Viazul“-Bus über die Straße, um Hühnern, Kühen und Schlaglöchern auszuweichen. An der Küste holpert er über ein Millionenheer aus Krabben, das zur Eiablage aufs Festland wandert. Ab und zu schippern schrott- wie museumsreife Chevrolets, Buicks und Cadillacs an uns vorbei, ansonsten ist die Straße wie leer gefegt. Die Klimaanlage des Busses bläst mir eiskalte Luft ins Gesicht und ich verteufle meine Reiseführer, die unisono davon schwärmten, leichte Sommerkleidung würde für Kuba genügen.

Zwei Tage zuvor bin ich im mitternächtlichen und nur spärlich beleuchteten Havanna angekommen. „Heute gibt es kein Klopapier mehr. Aber morgen – da bringt Ihnen das Mädchen eins aufs Zimmer“, sagt die Empfangsdame im Hotel Colina zur Begrüßung und tröstet mich nach meinem mehrmaligen „Das ist doch nicht zu fassen!“ mit fünf abgezählten Servietten.

Am nächsten Tag ein Spaziergang über den Maleçon, die Prachtpromenade Havannas. Links von mir das Meer, auf dem Fischer in Gummireifen paddeln. Rechts Häuserfassaden, die trotz ihres bröckelnden Putzes durchschimmern lassen, wie prunkvoll sie einst ausgesehen haben mit ihren schnörkeligen Bögen, eleganten Säulen und vielfarbigen Fenstermosaiken – venezianisch, maurisch, klassizistisch.

Einige Schritte stadteinwärts wehren sich die Einwohner in den Gassen des Centro Habana schockierend wie einfallsreich gegen die Armut: Dort, wo Haustüren fehlen, schützen Duschvorhänge vor fremden Blicken. Dort, wo auch Duschvorhänge fehlen, sehe ich die Menschen auf Pappkartons statt auf Stühlen und Betten leben. Drei Balkone strahlen frisch gestrichen von einer barocken Fassade, der vierte in der Reihe aber ist auf Nimmerwiedersehen herunter gebrochen. Und immer wieder Häuser, die vollkommen zusammengesackt im Kampf gegen den Verfall aufgeben.

„Zigarren? Langusten? Eine Stadtführung?“ Schulkinder überhäufen mich ebenso wie Familienväter oder Ärzte mit immer gleichen Angeboten. Nicht mal mein „Nichtraucher! Fischallergie! Ich will einfach nur sitzen!“ hilft, sie abzuwimmeln. Dass sie mich als wandelnden Geldautomaten sehen, ist jedoch verständlich: ohne mit der Wimper zu zucken zahle ich für eine Nacht im Hotel so viel, wie ein Kubaner durchschnittlich in fünf Monaten verdient – 50 Dollars. Doch bald bin ich so genervt davon, ständig angesprochen zu werden, dass ich schnell mit dem Bus aufs Land will.

Der Busfahrer aber lässt sich alle Zeit der Welt: jede halbe Stunde hält er an. Um nach einem U-Turn über vier Fahrspuren einen leeren Plastikeimer einzusammeln. Oder um an einem einsamen Haus ein Paket abzugeben, das seit Havanna zwischen seinen Knien klemmt, und dafür eine Tasse Kaffee zu kassieren. Dass er gut 50 Touristen im Schlepp hat, kümmert ihn nicht. „Socialismo o muerte“ („Sozialismus oder Tod“) lese ich auf einem drei Meter hohen Pappschild neben der Straße, bevor der Fahrer in Zeitlupe um einen Kiosk kurvt...

In Trinidad aber, meinem Ziel in Zentralkuba, scheint die Zeit vollends stehen geblieben zu sein – und zwar bereits vor 100 Jahren: Statt Autohupen höre ich in den kopfsteingepflasterten Gassen zwischen den in Gelb, Rosa und Türkis getünchten Kolonialhäuschen Hufgeklapper. Männer mit Cowboyhut reiten auf Rössern, die selbst zusammengeschraubte Anhänger ziehen, eine junge Frau mit Zigarre im Mund bietet Melonen im rostigen Schubkarren feil, und ich lerne, dass auf ein Fahrrad drei Kubaner passen.

Am nächsten Morgen steige ich in eines der wenigen viele Pferde starken Fahrzeuge am Ort: Ein Dampfzug aus dem frühen 20. Jahrhundert tuckert, immer wieder pfeifend und eine riesige Dampfwolke auspustend, durch das Valle de los Ingenios, das Zuckermühlental. Aus dem offenen Holzwaggon sehe ich über die weite, mit Königspalmen und saftig-grünen Zuckerrohrfeldern zum Kunstwerk gewachsene Landschaft bis hin zu den wellenförmigen Bergen der Sierra del Escambray. Plötzlich auch im Himmel Zeitgeschichte: Ein Doppeldeckerflieger aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs knattert über das Tal und fliegt erschreckend dicht über dem Dörfchen Iznaga, wo weiland die Sklaven der Zuckerbarone gelebt haben. „Das ist der Zeitungsausträger“, beruhigt der Schaffner. „Der wirft hier allerorts die ‚Granma` ab.“

Das ist es auch, woran es in Kuba nicht mangelt: an flächendeckender Bildung, wie mein Führer Eduardo beim Wandern durch den Regenwald der Sierra del Escambray erzählt. Zwischen Farnen, Kaffeepflanzen und Pinien zeigt er mir einen Tocororo, den Nationalvogel Kubas, der nicht in Gefangenschaft leben kann – „genau wie unser Land“. Was Eduardo wieder auf sein Lieblingsthema bringt: „Auch an Gesundheit und bezahlbaren Wohnungen mangelt es nicht!“ Dennoch: „Kuba braucht die Devisen der Touristen zum Überleben“, sagt er. „Das Problem dabei: Wir sind nicht reif für den Tourismus; die Kluft zwischen euerem Reichtum und uns ist zu groß. Das schafft viel Neid!“

Als nächstes fahre ich nach Westkuba: Bei Viñales liegen Tabakfelder rotbraun wie Tennisplätze in der Landschaft; dazwischen ragen schroffe, bis zu 400 Meter hohe Mogotes, „Elefantenbuckel“ genannte Kalksteinblöcke, senkrecht empor – skurril, unwirklich, gigantisch! Vor einem Schuppen, der sich an eine Königspalme schmiegt, treffen sich einige Bauern, um wie im „Buena Vista Social Club“ höchstpersönlich zu musizieren. Einer ihrer Nachbarn chauffiert mich auf einem Ochsenkarren bis zum Fuße eines 120 Meter hohen Felsengemäldes – ein Meisterwerk, bei dem Leovigildo Gonzáles die Evolution darstellte und dabei Felsspalten für Farbeffekte nutzte.

Dass in dieser traumhaften Gegend weltbester Tabak gedeiht, verwundert nicht; in den Fabriken des Umlandes werden daraus die legendären Cohibas gerollt – nach Anordnung Fidel Castros nur von Frauenhänden.

Ich fliege an dem Tag nach München zurück, an dem ein Kubaner ein Flugzeug entführt hat, um medientauglich vor Fidel Castros System in die USA zu fliehen. Das bringt an Havannas Flughafen jedoch niemanden aus der Ruhe: Statt das Handgepäck auf Rasierklingen, Messer oder Bomben zu überprüfen, feilt die zuständige Kubanerin an ihren Fingernägeln. „Socialismo o muerte“, denke ich und hoffe, das dies hier niemand verwechselt.

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